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Folge 10: Touristen - ein widersprüchlicher Begriff

Martin Linne Sonntag, 19. April 2026 von Martin Linne

Touristen – ein widersprüchlicher Begriff

Der Begriff gilt fast schon als Beleidigung: Tourist. Dass man sich als Tourist auf Helgoland auch in Gefahr begibt, ist nur schwer vorstellbar. Und was die Wissenschaft daraus macht, ist manchmal sogar recht komisch.

Über den Begriff Touristen

Wenn wir uns mit Tourismus beschäftigen, müssen wir natürlich auch den Begriff Tourist und das Wesen des Touristen betrachten. In der Fachliteratur kommt schon der Begriff nicht gut weg.

Touristen sinddie Idioten der Reise“, sie sindvulgar, vulgar, vulgarund in der Regelimmer die anderen“. Man selbst ist kein Tourist.Reisende treffen ihre Wahl; Touristen lassen sich ihre Entscheidungen nehmen.(1) Das deutet ein wenig auf die Unterscheidung zwischen Individual- und Pauschalreisenden hin. Touristen wurden gern auch als "Reisepöbel, der als schafsdämliche Herde in fremde Gefilde einfällt" bezeichnet oder als "Schwärme von Riesenbakterien", etwas eleganter als "Zivilisationsfluch".(2)

Bei dem Begriff Tourist schwingt also immer etwas Negatives mit, obwohl er eigentlich als fachlicher Ausdruck neutral sein sollte. Touristen sind die Nachfrager des Tourismus.

Es ist verständlich, dass sich dieser fachliche Begriff in der Umgangssprache schwertut. Reisende reisen. Urlauber machen Urlaub. Aber was tun Touristen? Touristisieren werden sie jedenfalls in der Umgangssprache nicht.

Touristen auf Helgoland – es kann gefährlich werden

Auf Helgoland haben es die Touristen besonders schlimm. In einem Schulaufsatz soll ein Schüler mal geschrieben haben: Helgoländer ernähren sich überwiegend von ihren Gästen.“ So schlecht waren die Zeiten auf der Insel wohl nie.

Doch schon 1908 lästert Paul Kuckuck über Touristen, die er damals noch vornehm als Badegast bezeichnete:

Schimpfen sich da zwei Jungen, die in Streit geraten sind. "Du bist so dumm wie Bohnenstroh!" – "Und du wie ein Ochse!" – "Und du wie ein Kamel!" – "Und du wie ein richtiger Affe!" – Und so fort, in infinitum? Nein, denn noch einmal rafft sich der jüngere auf: "Und du, du bist ja dumm wie ein Badegast!" womit die Szene schloß, denn etwas Dümmeres wußte der ältere auch nicht.(3)

Die Wissenschaft typologisiert

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Ordnung in der Wissenschaft

Typologisieren ist wie das Sortieren von Lego-Steinen

Die Wissenschaft untersucht Touristen und ist zu dem Schluss gekommen, dass man sie typologisieren sollte: Urlaubertypologie - Ein Begriff aus dem Marketing. Hier werden Kundengruppen anhand soziodemographischer Merkmale (Alter, Geschlecht, Einkommen etc.) und psychographischer Merkmale (produktgruppenbezogene Einstellungen, Persönlichkeitsmerkmale, Kaufverhalten etc.) gebildet.(4) Ziel sind qualifizierte Entscheidungen im Rahmen der marketingstrategischen Planung zur optimierten Kundenansprache.(5)

Verstanden? – Im Grunde ganz einfach!

Das ist wie das Sortieren von Legosteinen nach Größe, Dicke, Farbe, Funktion. Wer sich am Rande mit solchen Themen beschäftigt, hat vielleicht schon mal etwas von den Sinus-Milieus, den so genannten Kartoffelbildern, gehört. Die wurden Anfang der 1980er Jahre vom Sinus-Institut in Heidelberg entwickelt und machen das Ganze anschaulich.

Kuckuck’sche Typologie der Badegäste

Für Helgoland hat sich Paul Kuckuck dieser marketinganalytischen Aufgabe wissenschaftlich exakt angenommen. Er war Wissenschaftler und Leiter der biologischen Anstalt auf Helgoland.

Er typologisiert wie folgt:(6)

  • Kymophilus vulgaris

    Kymophilus vulgaris, gewöhnlicher Wellen- und Wogenbadegast: Er zieht während des ganzen Sommers und schlägt seinen Nistplatz für wenigstens zwei Wochen auf den Inseln auf. Er schwärmt für Wogen und Wellen jeglicher Art, äußerlich und innerlich und benutzt sie zum Baden, Segeln und Trinken.

  • Kymophilus ephemera

    Kymophilus ephemera, die Eintagsfliege unter den Gästen, Tagesgast: Erscheint in flügelloser Madenhaftigkeit großen Schwärmen, aber gottlob nur für kurze Zeit.

  • Person, Die Auf Sand Legt

    Kymophilus arenarius

    Kymophilus arenarius, der Sandfloh: hübsche Spielart, hüpft auf der Düne herum, ein harmloses und liebenswürdiges Geschöpf.

  • Kymophilus parthenopipes

    Kymophilus parthenopipes (Syn. Balneoscopus senilis), der Seegucker: wird in der Nähe des Damenbades angetroffen, meist alte Exemplare, ausgezeichnet durch lustig zwinkernde Äuglein, die durch ein Zeißglas spähen, und weinrote Färbung des Kopfes.

Nur um die Begriffe etwas einzuordnen: Kymopleia ist eine Meeresnymphe in der griechischen Sagenwelt. Phil (philos) seht für lieben, freundlich, sich angezogen fühlend. Kymophilus vulgaris ist demnach ein gewöhnlicher, sich dem Meer hingezogener Gast.

Ephemer bedeutet im griechischen so viel wie vergänglich, nur für einen Tag. Tagesgast = Kymophilus ephemera passt also ziemlich gut.

Arenarius geht auf das Lateinische zurück und bedeutet Sand/ sandig. Kymophilus arenariuspasst also wunderbar als der kleine Strandfloh, offenbar das Wesen, welches der nächste Typ gern beobachtet.

Parthenope ist in der griechischen Mythologie eine der Sirenen. Balneo steht als Vorsilbe für das Bäderwesen: Balneologie. Scopus weist auf einen Aussichtspunkt oder Wächter hin. Senil steht für alt. Kymophilus parthenopipes (Balneoscopus senilis) ist folglich eine Umschreibung eines älteren Spanners, der gern jungen Damen beim Baden zuschaute. Gab’s auch damals schon - schlimm! Spode stellt fest, dass das Fernrohr als wichtiges Utensil männlicher Strandbesucher galt.(8)

Dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen.

Fazit und Ausblick

Der wissenschaftliche Begriff Tourist ist nicht praxis- besser: alltagstauglich. Er ist seit seiner ersten Erwähnung um 1770 in England negativ belegt.(7) Natürlich ist dieser Beitrag nicht sehr ernst gemeint. Ich finde es aber wirklich lustig, wie Kuckuck 1909 versucht hat, über die Badegäste zu lästern.

Leider neigen wir heute dazu, Touristen zu verbannen, Stichwort Overtourism. Dazu gibt es auch bald einen Blog! Dabei wird aber vergessen, dass der Wohlstand, auf dem sich die Touristen-Hasser ausruhen, gerade mit den Touristen erwirtschaftet wurde....

Der nächste Beitrag wird sich aber um das Lieblingsthema aller Helgoland-Touristen kümmern: SEEKRANKHEIT!

Es bleibt spannend.

Euer

Martin Linne

Quellen

1) Vgl. Mundt 2006, S. 9.

2) Vgl. Spode 2025, S. 39.

3) Kuckuck 1924, S. 30.

4) Kirchgeorg 2025, o. S.

5) Scharf, Schubert, Hehn 2015, S. 424.

6) Kuckuck 1924, S. 30.

7) Vgl. Spode 2025, S. 38.

8) Vgl. Spode 2025, S. 67.

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