Folge 11 Seekrankheit
Dienstag, 19. Mai 2026 von Martin Linne
Seekrankheit - Das willst Du nicht haben!
Schlimm. Einfach nur schlimm. Und doch eng mit Helgoland verbunden - Warum nur? Und was ist das eigentlich genau? Aber ein Trost: Seit die neuen Schiffe für Helgoland eingesetzt werden, die alle über Stabilisierungsmöglichkeiten verfügen, ist die Ausgabe der Spucktüten sehr stark zurückgegangen!
Seekrankheit - Was ist das eigentlich?
„Der Begriff „Bewegungskrankheit“ (auch „motion sickness“, Kinetose) beschreibt ein Beschwerdebild, das im Zusammenhang mit eigener oder Umgebungsbewegung auftritt und infolge einer hierdurch bedingten Stressreaktion zu vegetativen Symptomen führt. Diese beginnen häufig schleichend mit Müdigkeit/Gähnen sowie verminderter Aufmerksamkeit und führen im Weiteren über Kaltschweißigkeit und Blässe, vermehrten Speichelfluss und gelegentlich Kopfschmerzen schließlich zu Übelkeit und Erbrechen mit teils erheblichem Krankheitsgefühl. Nach Wegfall der auslösenden Bewegungssituation bilden sich die Symptome im Allgemeinen innerhalb eines Tages vollständig zurück.“ (3)
Will heißen: Wenn sich die Sinneseindrücke widersprechen, schaltet unser Hirn in einen Notbetrieb um und reagiert mit Morbus nauticus. Unser Gehin kann es nicht richtig verarbeiten, dass der optische Eindruck und der Bewegungseindruck voneinander abweichen. Wenn das Schiff schaukelt und wir den Blick nur ins Innere des Schiffes richten, bewegt sich nichts. Unser Sinn für Bewegungen verrät uns aber etwas anderes. Die Täuschung entsteht. Das Hin schaltet auf Notbetrieb um. Tüte bitte!
Wie hat sich die Froschung entwicklet?
Es hat lange gedauert, bis die Seekrankheit erforscht war. 1876 schreibt Nagel von einer „eigenthümlichen Störung und einer Verstimmung des Selenbefindens.“ (4)
Ernst Riese veröffentlicht 1888 in seiner Dissertation, dass die in der Luft gelösten Salzteilchen zu einer Übersättigung des Blutes als Auslöser führen würden.(5)
Seekrankheit als Mittel zum Zweck
Von der Decken beschreibt Seekrankheit 1826 noch als nicht dienlich: „In sofern demnach die Seekrankheit selbst nicht einen wesentlichen Theil der Kur ausmacht, und die Reise nach Helgoland dieser Bedingung nicht genüget , entspricht ein Aufenthalt auf dieser Insel dem Zwecke der Seereisen vollkommner, und ist als Aufenthalt den Oertern an den Küsten weit vorzuziehen , weil dort die Seeluft zu sehr mit Landluft vermischt ist.“(6)
Andere Verfasser weisen Seekrankheit wurde in Bezug auf das Seebad sogar eine heilende bzw. förderliche Wirkung zu. Das zeigt ein Auszug aus dem Hannoverschen Magazin von 1819: „Schon die Fahrt über die See, und der fast unzertrennliche Gefährte, die Seekrankheit, würde vielen Kranken heilsam seyn.“(7)
Doch auch Oetker schreibt in seinem Reisebericht aus 1855: „Dr. Röding in seinem helgoländer Album betrachtet sie sogar als ein „von der Natur veranstaltetes Prüfungs- und Einleitungsmittel für die Badekur.“ (8)
Mach aus einer Schwäche eine Stärke!
Darauf muss man erst mal kommen! Aber was hier geschieht ist aus heutiger Sicht durchaus interessant. Hier wurde schon vor 200 Jahren versucht, aus einer Schwäche eine Stärke zu machen. Das kennen wir Ökonomen als Ergebnis der SWOT-Analyse.(9) Mit diesem Instrument werden Stärken und Schwächen identifiziert und Chancen und Risiken gegenübergestellt, um strategische Maßnahmen abzuleiten.
Das Rückwärtsessen, so berichtet tatsächlich ein Seefahrer auf YouTube, würde mit Apfelkuchen besonders gut gehen, weil seine geschmackliche Wirkung unabhängig von der Essrichtung ist.(10)
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Wirksamstes Mittel: Willenskraft
1838 schreibt Wienbarg „Seekrank bin ich nicht geworden, weil ich nicht wollte. An Einladungen fehlte es nicht, ich wies sie aber muthig zurück.“(11)
Das ist leider immer noch so: Seekrankheit wirkt ansteckend. Und offenbar ist es ihm mit Willensstärke gelungen, sich nicht anstecken zu lassen. Das erfordert aber Selbstdisziplin.
Quellen
1) Smidt 1839, S. 41.
2) Salomon 1834, S.
3) Jelinek 2012, S. 68-71.
4) Nagel 1876, S. 6.
5) Vgl. Riese 1888, S. 56.
6) Van der Decken 1826, S. 202
7) O. V. 1819, S. 1542.
8) Oetker 1885, S. 17.
9) Vgl. Becker 2009, S. 104.
10) Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=nEnSbuR3Cw8.
11) Wienbarg 1838, S. 3.