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Folge 11 Seekrankheit

Martin Linne Dienstag, 19. Mai 2026 von Martin Linne

Seekrankheit - Das willst Du nicht haben!

Schlimm. Einfach nur schlimm. Und doch eng mit Helgoland verbunden - Warum nur? Und was ist das eigentlich genau? Aber ein Trost: Seit die neuen Schiffe für Helgoland eingesetzt werden, die alle über Stabilisierungsmöglichkeiten verfügen, ist die Ausgabe der Spucktüten sehr stark zurückgegangen!

Seekrankheit

MS Helgoland im Sturm

MS Helgoland im Sturm

Geht es euch auch so, immer wenn ihr von Helgoland erzählt, sagen eure Zuhörer: Da war ich auch schon. Was hab ich gek…!

Seekrankheit ist immer das Erste, über das Reisende von Helgoland erzählen – und das beständig seit Jahrhunderten!

Der Zeitreise-Blick in die Literatur

Postkarte Helgoland

Postkarte Helgoland

Smidt schreibt 1839: Mit den Passagieren war eine seltsame Veränderung vorgegangen; die meisten waren vom Verdeck verschwunden und hatten sich und ihren Zustand dem Auge der Welt verborgen; unter denjenigen, die im Freien ausharrten, bemerkte man, mehrere ehrenwerthe Ausnahmen abgerechnet, einen auffallenden Wechsel in den äussern, und wahrscheinlich auch in den innern Verhältnissen; auf allen Gesichtern malten sich die ersten Symptome der Seekrankheit , und wiesen sich wie wandelnde Gespenster , die geisterartig mit den Händen umhertappten, bis der Schwindel sie fasste, und die Bewegung des Schiffes sie zu Boden warf.“ (1)

Das Problem: Die Gäste waren wohl sehr empfindlich; denn das Schiff von dem Smidt 1839berichtet war kurz vor Brunsbüttel (sprich: Brruuuuhnsbüttel 😉) also noch auf der Elbe unterwegs.

Salomon hat es 1834 etwas positiver beschrieben: „Die Neigung zur Seekrankheit verliert sich nach und nach, wie so viele Neigungen, und Frauen und Mädchen, die früher nur mit Schaudern an die Ueberfahrt dachten, können jetzt die Zeit nicht erwarten, […] Helgoland hat ihre Nerven und ihren Muth gestählt!“(2) Das macht Mut!

Seekrankheit - Was ist das eigentlich?

„Der Begriff „Bewegungskrankheit“ (auch „motion sickness“, Kinetose) beschreibt ein Beschwerdebild, das im Zusammenhang mit eigener oder Umgebungsbewegung auftritt und infolge einer hierdurch bedingten Stressreaktion zu vegetativen Symptomen führt. Diese beginnen häufig schleichend mit Müdigkeit/Gähnen sowie verminderter Aufmerksamkeit und führen im Weiteren über Kaltschweißigkeit und Blässe, vermehrten Speichelfluss und gelegentlich Kopfschmerzen schließlich zu Übelkeit und Erbrechen mit teils erheblichem Krankheitsgefühl. Nach Wegfall der auslösenden Bewegungssituation bilden sich die Symptome im Allgemeinen innerhalb eines Tages vollständig zurück.“ (3)

Will heißen: Wenn sich die Sinneseindrücke widersprechen, schaltet unser Hirn in einen Notbetrieb um und reagiert mit Morbus nauticus. Unser Gehin kann es nicht richtig verarbeiten, dass der optische Eindruck und der Bewegungseindruck voneinander abweichen. Wenn das Schiff schaukelt und wir den Blick nur ins Innere des Schiffes richten, bewegt sich nichts. Unser Sinn für Bewegungen verrät uns aber etwas anderes. Die Täuschung entsteht. Das Hin schaltet auf Notbetrieb um. Tüte bitte!

Wie hat sich die Froschung entwicklet?

Es hat lange gedauert, bis die Seekrankheit erforscht war. 1876 schreibt Nagel von einer eigenthümlichen Störung und einer Verstimmung des Selenbefindens.“ (4)

Ernst Riese veröffentlicht 1888 in seiner Dissertation, dass die in der Luft gelösten Salzteilchen zu einer Übersättigung des Blutes als Auslöser führen würden.(5)

Seekrankheit als Mittel zum Zweck

Helgoland im Sturm

Von der Decken beschreibt Seekrankheit 1826 noch als nicht dienlich: In sofern demnach die Seekrankheit selbst nicht einen wesentlichen Theil der Kur ausmacht, und die Reise nach Helgoland dieser Bedingung nicht genüget , entspricht ein Aufenthalt auf dieser Insel dem Zwecke der Seereisen vollkommner, und ist als Aufenthalt den Oertern an den Küsten weit vorzuziehen , weil dort die Seeluft zu sehr mit Landluft vermischt ist.“(6)

Andere Verfasser weisen Seekrankheit wurde in Bezug auf das Seebad sogar eine heilende bzw. förderliche Wirkung zu. Das zeigt ein Auszug aus dem Hannoverschen Magazin von 1819:Schon die Fahrt über die See, und der fast unzertrennliche Gefährte, die Seekrankheit, würde vielen Kranken heilsam seyn.“(7)

Doch auch Oetker schreibt in seinem Reisebericht aus 1855:Dr. Röding in seinem helgoländer Album betrachtet sie sogar als ein „von der Natur veranstaltetes Prüfungs- und Einleitungsmittel für die Badekur.“ (8)

Mach aus einer Schwäche eine Stärke!

Darauf muss man erst mal kommen! Aber was hier geschieht ist aus heutiger Sicht durchaus interessant. Hier wurde schon vor 200 Jahren versucht, aus einer Schwäche eine Stärke zu machen. Das kennen wir Ökonomen als Ergebnis der SWOT-Analyse.(9) Mit diesem Instrument werden Stärken und Schwächen identifiziert und Chancen und Risiken gegenübergestellt, um strategische Maßnahmen abzuleiten.

Praktischer Aufruf an alle Reeder:

Daher ein Aufruf an alle Reeder: Schaltet die Stabis ab, verkauft Apfelkuchen und erklärt Euren Gästen, kotzt Euch gesund!

Stabis, also Stabilisatoren, sind seitlich an den Schiffen unter Wasser sitzende, flügelartige Konstruktionen, die die Schaukelbewegung der Schiffe reduzieren; hier als Synonym für alle Motion-Damping-Systeme genutzt.

Das Rückwärtsessen, so berichtet tatsächlich ein Seefahrer auf YouTube, würde mit Apfelkuchen besonders gut gehen, weil seine geschmackliche Wirkung unabhängig von der Essrichtung ist.(10)

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Wirksamstes Mittel: Willenskraft

1838 schreibt Wienbarg Seekrank bin ich nicht geworden, weil ich nicht wollte. An Einladungen fehlte es nicht, ich wies sie aber muthig zurück.(11)

Das ist leider immer noch so: Seekrankheit wirkt ansteckend. Und offenbar ist es ihm mit Willensstärke gelungen, sich nicht anstecken zu lassen. Das erfordert aber Selbstdisziplin.

Fazit und Ausblick

Das Thema Seekrankheit wird Helgoland nicht mehr los. Warum auch - Es gehört zum Meer dazu, wie die Möven und der Salzgeruch. Natürlich ist es für Viele ein absolutes Reisehemmnis. Die gehen nicht auf ein Schiff und unternehmen auch nie eine Kreuzfahrt. Es gibt mittlerweile aber medizinische Hilfsmittel, die ich auch bei stärkerem Wind nehme. Und besonders schön ist der Sturm, wenn man ihn von Helgoland aus erleben kann.

Doch zum Glück ist Sturm nicht so häufig. Und wenn's zu doll wird, fahren die Schiffe auch nicht.

Also: Helgoland - bei jedem Wetter schön!

Seid tapfer!

Euer

Martin Linne

Quellen

1) Smidt 1839, S. 41.

2) Salomon 1834, S.

3) Jelinek 2012, S. 68-71.

4) Nagel 1876, S. 6.

5) Vgl. Riese 1888, S. 56.

6) Van der Decken 1826, S. 202

7) O. V. 1819, S. 1542.

8) Oetker 1885, S. 17.

9) Vgl. Becker 2009, S. 104.

10) Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=nEnSbuR3Cw8.

11) Wienbarg 1838, S. 3.

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