Folge 12: Der 1. Juli 1826
Mittwoch, 1. Juli 2026 von Martin Linne
Was für ein Jubiläum!
1. Juli 1826 - Die ersten Badegäste
Am 1. Juli 1826 quietschten nicht nur die großen Holzräder der Badekarren auf der Düne, sondern auch die wohlgelaunten Badegäste, die als wahre Pioniere den Badekarren entstiegen und in die klare und kühle Nordsee hüpften. Die Badekarren müssen noch nach frischer Farbe gerochen haben, als sich die mutigen Badegäste dadrinnen für ihren Sprung in die Nordsee umgekleidet haben. Und der erste Badearzt Pyhsicus Lehmann kümmerte sich um seine ersten "Kurgäste".
Damit startete vor genau 200 Jahren Jacob Andresen Siemens mit seiner Seebad Helgoland AG den ersten zu damaliger Zeit professionellen Badebetrieb. Die Gesellschaft soll am 19. Februar 1826 gegründet worden sein.
Ein Kurtag um 1826 auf Helgoland
Für die Menschen vor 200 Jahren muss das etwas ganz Außergewöhnliches gewesen sein, nach Helgoland zu reisen. Die Anreise war beschwerlich. Die Ankunft erfolgte oft abends oder nachts, wenn es dunkel war. So stellt zumindest Smidt seine Helgolandreise um 1839 dar. Hier erfahren wir, wie ein Kurgast auf Helgoland den Tag genoss.
Der Tag begann früh, oft noch halb träumend vom gleichmäßigen, dumpfen Rauschen der Nordsee. Der erste Blick richtete sich ans Fenster einer einfachen, aber überraschend behaglichen Unterkunft. Der schmale Strand und die unablässig bewegte See, waren Heinrich Smidt am Abend zuvor gar nicht so aufgefallen. Die Neugierde auf den Tag war zu groß, um ausgiebig zu frühstücken. Ein rasch gereichter Kaffee wurde nur hastig genossen, denn die eigentliche Verlockung des Morgens wartete draußen.
Heinrich schlenderte zum Strand, um sich zur Düne übersetzen zu lassen. In schaukelnden, blitzsauberen Booten ließ er sich über kristallklares Wasser, durch das man den hellen Sandgrund deutlich erkennen konnte, zur Düne übersetzen.
Der Nachmittag gehörte Muße und Bewegung gleichermaßen. Heinrich entscheid sich, einen Spaziergang über das Oberland oder entlang der Felsküste zu unternehmen. Die karge Natur, frei von Bäumen und prunkvoller Vegetation, bot einen eigenen Reiz: das unermessliche Meer, das in immer neuen Farben wechselte, und die frische, kräftige Luft, die jeden Gang zu einem Genuss machten. Nach dem Rundgang genoss Heinrich einen Kaffee und rauchte im Conversationshaus Zigarren.
Gegen Abend traf sich Heinrich mit anderen Kurgästen an aussichtsreichen Punkten, um den Sonnenuntergang über dem Wasser zu betrachten. - Wie heute! – In dieser Stunde verband sich die gesellige Atmosphäre mit einer gewissen feierlichen Stimmung; Gespräche wurden leiser, und man ließ den Blick über die weite Fläche schweifen. Schon damals ein Highlight, das Heinrich unbedingt machen wollte: nächtliche Fahrten auf dem Meer, bei denen Boote mit Fackeln beleuchtet wurden und Musik über die dunklen Wellen klang.
Seebad – Nordseebad – Nordseeheilbad
Helgoland nannte sich also ab 1826 "Seebad Helgoland". Das ist eine für die Zeit gebräuchliche Bezeichnung für Orte, die eine gewisse Infrastruktur zum Baden im Meer angeboten haben. Auf Helgoland waren es so genannte Badekarren. Seebad war also mehr eine technische Bezeichnung als ein anerkanntes Prädikat.
Um derartige Bezeichnungen zu steuern, zu vereinheitlichen und deren medizinischen Versprechen zu reglementieren, gründete sich 1892 der Allgemeine Deutsche Bäderverband. Hier wurden Begriffsbestimmungen für Heilquellen, deren therapeutischer Wert des Klimas und viele Dinge fixiert, die ein Kurort erfüllen muss. 1902 gründete sich der Verband Deutscher Nordseebäder e. V. Helgoland wurde Mitglied und warb seither bis 1939 als Nordseebad.
In den 1960er Jahren erhielt Helgoland das bis heute gültige Prädikat des Nordseeheilbades. Damit erfüllt die Insel die Bestimmungen für Kurorte, die der Deutsche Heilbäderverband seit 1937 in der ersten Auflage und ab 1852 in der zweiten Auflage herausgibt. 2023 wurden die Bestimmungen in der 14. Auflage aktualisiert. Helgoland ist also seit 1826 Seebad, seit ca. 1902/03 Nordseebad und seit den 1960er Jahren Nordseeheilbad. (Deutscher Heilbäderverband)
Was war das Besondere?
Lange Zeit eigentlich nichts. Denn Seebäder gab es schon. Es gab eine lange Tradition in England. Und auf dem Kontinent, wo später einmal die Bundesrepublik Deutschland entstehen sollte, hatten sich auch schon viele Seebäder gegründet. Auch in Form einer AG. Schon vor 1826 gab es auf Helgoland Tourismus. Vornehmlich aus England; denn Helgoland war seinerzeit englische Kolonie. Helgoland war auch bereits Ausflugsziel. Als das Seebad in Cuxhaven gegründet wurde, gehörte es einfach dazu, einmal Helgoland gesehen zu haben.
Siemens – was bleibt?
Leider nichts. Jacob Andresen Siemens hatte keine Nachkommen. Er verstarb unverheiratet und kinderlos am 19.09.1849 in London. Auch seiner Schwester waren Kinder vergönnt. Jacob Andresen Siemens war der Sohn von Rickmer Jacob Siemens und Peerke Jacobs Franz. Seine Großeltern väterlicherseits waren Jacob Siemens und Tütje Rickmer Erichs, mütterlicherseits Jacob Jacob Franz und Anna Elisabeth Jacobs Andresen. Sein Name spiegelt die Familie wider. Nachkommen hatten seine Onkel Erik und Claus Jacobs auf väterlicher Seite sowie Nummel Jacob Franz auf mütterlicher Seite. Von seinen 17 Cousins und Cousinen hatten 5 weitere Kinder. Diese Linie setzte sich fort bis zum Ende der 1990 Jahre. 2003 verstarb die letzte Nachfahrin (Ur-ur-ur-ur-urgroßenkelin) des Jacob Siemens, dem Großvater des Seebadgründers. (Ortsfamilienbuch Helgoland)