Folge 1: Ein kurzer Blick ins frühe 19. Jahrhundert
Mittwoch, 14. Januar 2026 von Martin Linne
Ein kurzer Blick ins frühe 19. Jahrhundert
1800 n. Chr. Wie sah es aus in Europa? Was war damals los? Was gab es eigentlich? Wie reiste man? Um die Entwicklung des Tourismus und auf Helgoland zu verstehen, ist es ratsam, einen Blick in die jüngere Geschichte zu richten. Für diese ZeitReise brauchen wir nun etwas Phantasie; denn es gibt nur wenige Fotos, die ein Gefühl für diese Zeit geben. Ich setze hier bewusst nur wenige Bilder ein, die einzelne Sachverhalte dokumentieren.
Viel Spaß beim Lesen!
Politisch sehr unruhige Zeiten
Das 19. Jahrhundert war eine ganz andere Zeit. Nahezu alles, was uns vertraut ist, gab es noch gar nicht. Auch politisch war es noch viel unruhiger als heute. Europa – so wie wir es kennen – es existierte noch nicht. Napoleon krönte sich selbst zum Kaiser Frankreichs. In Großbritannien regiert Georg III. Es folgten Georg IV., Wilhelm IV., und ab 1837 herrschte Queen Victoria bis 1901 über das Königreich. Die Deutsche Frage wurde nach dem endgültigen Zerfall des Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ab 1806 intensiv diskutiert: Soll es einen Staatenbund oder einen einheitlichen Deutschen Staat geben? Wo liegen die Grenzen? Wer gehört dazu? Viele „Deutsche“ flüchteten in der Zeit ins Ausland. Das damals zunächst noch dänische, kurz später englische Helgoland wurde von zahlreichen Dichtern und Denkern als Exil gewählt: Oetker, von Fallersleben, Wienbarg, um nur einige zu nennen.
Kriege und Revolution bestimmten das politische Geschehen. Helgoland wusste davon zu profitieren. Es soll zu Beginn des 19. Jahrhunderts „ein Tummelplatz für diplomatische Agenten, politische Flüchtlinge und Spione“(1) gewesen sein.
Ein völlig anderes Leben
Um den gesamten Sachverhalt auch im Sinne des Tourismus richtig einordnen zu können, wollen wir uns zunächst in die Menschen der Zeit um 1800 versetzen. Ich habe die KI mal gebeten, einen Dialog zwischen Eheleuten um 1800 zu erstellen, die sich über ihre Reiseplanungen im Sommer nach Helgoland unterhalten. Ich habe bewusst keine weiteren Anmerkungen in den Prompt geschrieben. Wollte sehen, was die KI daraus macht. Herrlich. Man sprach anders, war viel höflicher und distanzierter. So könnte sich das laut Copilot angehört haben:
Herr von Albrecht:
„Meine Teure, habt Ihr wohl bedacht, wie wir die Sommerfrische begehen wollen? Mir dünkt, Helgoland sei ein gar reizender Ort, um der drückenden Hitze des Festlands zu entfliehen.“
Frau von Albrecht:
„Ach, mein Lieber, Ihr sprecht mir aus der Seele! Die Kunde von der reinen Luft und dem heilsamen Wasser ist allenthalben gerühmt. Doch sagt, wie steht es um die Überfahrt? Ist das Schiff wohl bestellt?“
Herr von Albrecht:
„Ich habe mich erkundigt: Kapitän Reimers verspricht eine sichere Fahrt, sofern das Wetter uns hold ist. Wir müssten indes frühzeitig nach Cuxhaven reisen, um das Segelboot nach Helgoland zu erreichen.“
Frau von Albrecht:
„Wohl an, so lasst uns die nötigen Vorkehrungen treffen. Ich will die Wäsche und das leichte Gewand bereiten, denn auf der Insel soll die Sonne gar kräftig scheinen.“
Können wir uns heute das Leben Anfang des 19. Jahrhundert überhaupt vorstellen? Was gab es damals alles nicht? Elektrischen Strom, Telefon, Morsen, Postkarten, Paris ist ohne Eiffelturm und Triumphbogen, in London fehlt die Tower Bridge. Straßen und Wege waren holprig. Fernverkehr fand mittels (Post-)kutschen statt. Auf den Meeren wurde gesegelt, dies allerdings noch mit größeren, schwergängigen Segelschiffen. Die schnittigen Klipper entstanden auch erst Mitte das 19. Jahrhunderts. Immerhin: Das Brandenburger Tor war noch ein Neubau.
Die Industrialisierung schafft Umbrüche
Wirtschaftlich ist die Zeit von fundamentalen Innovationen und großen Aufbrüchen geprägt. Gegen Ende des 18. Jahrhundert begann in Großbritannien die Industrialisierung. In Deutschland erst gut 50 Jahre später im 2. Drittel des 19. Jahrhundert. Die Industrialisierung blieb der Insel Helgoland zunächst erspart. Doch nur 200 Jahre später wollte sich Helgoland dieser Entwicklung anschließen und selbst Industriestandort werden. Das Pinneberger Tageblatt berichtete: „Helgoland als Industriestandort“(2). Touristikern und vielen Helgoland-Liebhabern wurde angst und bange!
Lieber wieder zurück ins 19. Jahrhundert und weg von Politik und Technik. Touristisch war das eine Zeit voller Veränderungen und Umbrüche. Das Reisen wurde für junge Adlige schick und man durchquerte ganz Europa. Es gab zunächst nur einfache Herbergen und die Straßen wurden für Postkutschen erst nach und nach ausgebaut.(3) Man reiste unbequem und relativ langsam, weil die Pferde an den Poststationen pausieren mussten. Die Pferde brauchten genau so häufig Rast, wie e-Autos heute aufgeladen werden wollen – gefühlt! Das Reisen erforderte damals auch noch viel Geduld. Die Reisegeschwindigkeit lag zwischen 5 und 7 km/h; im Schnitt konnten so täglich zwischen 25 und 60 km zurückgelegt werden.(4)
Dampfschiff und Eisenbahn brachten die großen Sprünge
Mit der Dampfschifffahrt wurden Schiffsreisen ab 1807 etwas schneller.(5) Die Eisenbahn wurde erfunden, und damit stand der Tourismuswirtschaft ein erstes massentaugliches Transportmittel zur Verfügung. Im Jahr 1809 war die Dampflokomotive zunächst noch eine Jahrmarktsattraktion: „Catch me who can“.(6) 1814 startete G. Stephenson in England den Eisenbahnverkehr.(7) 1835 fuhr in Deutschland die „Adler“ als erste Dampflokomotive von Nürnberg nach Fürth.(8) Wo Bahnverbindungen entstanden, entwickelte sich auch rasch ein Tourismus.(9) Die bequeme Erreichbarkeit war dafür maßgeblich.
Die Entwicklung ging ungeheuer rasant voran. 1835 war die erste Bahnstrecke von Nürnberg nach Fürth errichtet. Schon 1839 schreibt Smidt:
„In einer Zeit, wo Eisenbahnen, Dampfschiffe und Schellposten sich die Hand reichen, um einen Reisenden an die entferntesten Orte zu befördern, ist es ja ein geringes, diese Sehnsucht zu stillen, und sich aus dem fernsten Binnenland dahin zu versetzen, wo die Wogen des Meeres die Bollwerke des Festlandes erschüttern.“(10)
Und schon im Jahr 1849 war in Deutschland und den angrenzenden Staaten Europas ein weitverzweigtes und mehrere hundert km langes Streckennetz entstanden. In nur 14 Jahren! Wir können es uns heute nicht vorstellen, wie schnell sich die Verkehrsinfrastruktur entwickelt kann.
Das Leben der Menschen ändert sich
Mit der Industrialisierung veränderte sich das Leben der Menschen. Die Bevölkerung konzentrierte sich zunehmend in den Städten: Stichwort Urbanisierung. Immer mehr Menschen kamen zu Wohlstand. Die Arbeiter bekamen ab 1873 erstmals Urlaubsansprüche gewährt.(11)Es konnten immer mehr Leute reisen. Überwiegend blieb das Reisen jedoch den Wohlhabenderen vorbehalten. Die Form der Beherbergung verbesserte sich zunehmend. Es entstanden „Grandhotels“ und „Palasthotels“. Die wichtigsten Gäste: der Adel, der oft ausgedehnte Reisen unternahm. Diese Epoche wird auch im Tourismus als „Belle Époque“ bezeichnet.(12)
In diese Anfangsphase des Tourismus fallen wegweisende „Erfindungen“. 1841 entwickelte Thomas Cook in England eine Pauschalreise: Eine Bahnfahrt von Leicester nach Loughborough.(13)Wenn er nach Helgoland gefahren wäre, dann wäre dieses Geschäftsmodell zum Scheitern verurteilt gewesen. Es handelte sich um einen Vereinsausflug einer Abstinenzlervereinigung, deren Vorsitzender Cook war...
Tatsächlich hat es auf Helgoland einen ähnlichen Versuch gegeben. Also nicht den, einen Reiseveranstalter, sondern einen Mäßigkeitsverein zu gründen. Man wollte dem übermäßigen Alkoholkonsum entgegenwirken, erreichte aber nur, sich der Lächerlichkeit preiszugeben.(14)
Kommunikation 0.0
Aus heutiger Sicht undenkbar: Es gab kein Handy. Es gab noch nicht mal ein Telefon. Das wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhundert erfunden. Kommunikation fand Anfang des 19. Jahrhunderts über Briefe, Bücher, ggf. Gemälde und Zeitungen statt.
Postkarten, das WhatsApp, TikTok oder Instagram des 19. Jahrhunderts! Die wurden auch erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden. Ursprünglich als reine Textkarten konzipiert, zierten sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schon Fotomotive. Als Reisepostkarte waren sie schnell sehr beliebt.(15)
Reisende teilten anderen schon immer gern wichtige Informationen mit: Wo sie waren, wo sie untergebracht waren (das wurde, wenn möglich, auf dem Foto angekreuzt), dass das Essen schmeckt und wie großartig das Wetter ist.
Ausblick
In dieser Zeit, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, entstand das, was wir heute als Tourismus und Tourismuswirtschaft bezeichnen würden. Auf die Bedürfnisse der Reisenden ausgerichtete Hotels, Reiseveranstalter und Reisebüros, die Kreuzfahrt, Tourismuswerbung und eine sich stetig entwickelnde Verkehrsinfrastruktur.
Auf das, was sich touristisch veränderte, wie Urlaubsorte entstanden und gewachsen sind, darauf wollen wir in den nächsten Folgen dieses Blogs schauen.
Es grüßt herzlich
Ihr
Martin Linne
Quellen
1 Packroß 1952, S. 74.
2 Vgl. Thieme, 2014, o. S.
3 Vgl. Bieger 2006, S. 48.
4 Vgl. Freyer 2006, S. 12.
5 Vgl. Freyer 2006, S. 13.
6 Vgl. Krohn 2010, S. 37.
7 Vgl. Freyer 2006, S. 13.
8 Vgl. Krohn 2010, S. 38.
9 Vgl. Linne 2024, S.17.
10 Smidt 1839, S. VI.
11 Vgl. Freyer 2011, S. 13.
12 Vgl. Bieger 2006, S. 49.
13 Vgl. Freyer 2006, S. 13.
14 Vgl. Oetker 1855, S. 140.
15 Vgl. https://www.ausstellung-postkarte.de/ https://philatelie.info/en-gb/beginnings-german-picture-postcards?language_content_entity=de.