Folge 2: Anfänge des Tourismus - auch auf Helgoland?
Freitag, 16. Januar 2026 von Martin Linne
Anfänge des Tourismus - auch auf Helgoland?
Wann ging’s los mit dem Tourismus?
Das ist keine leichte Frage. Zunächst ist zu klären, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit grundsätzlich Tourismus besteht. Reisen sind nicht per se Tourismus.
Und dann kann geprüft werden, ab wann auf Helgoland von Tourismus ausgegangen werden kann.
Viel Spaß beim Lesen!
Erste Definitionen und behördliche Vorgaben
Was ist denn der Unterschied zwischen Reisen und Tourismus? Menschen reisen. Doch nicht jede Reise wird dem Tourismus zugerechnet: wiederkehrende Fahrten zur Arbeit, alles, was im gewöhnlichen Alltagsraum geschieht, das sind Fahrten oder Reisen, die nicht touristischer Art sind. Tourismus ist nicht mit Mobilität gleichzusetzen.
Wie Tourismus tatsächlich definiert wird, das begann erst vor gut 100 Jahren. Eine der ersten Definitionen erfolgte 1911 von Schullern zu Schrattenhofen. Tourismus sind demnach all jene
„wirtschaftlichen Vorgänge, die sich im Zuströmen, Verweilen und Abströmen Fremder nach, in und aus einer bestimmten Gemeinde, einem Land, einem Staate betätigen und damit unmittelbar verbunden sind“.(1)
Damit meint er, dass Menschen irgendwo hinfahren aber auch wieder zurück, also nicht bleiben. So definiert er aber das Reisen, nicht Tourismus. Alle folgenden Definitionen befassen sich ebenso mit Reisen und dem Aufenthalt von Personen, lassen aber ein notwendiges Angebot außer Acht.
Es geht noch schlimmer. Häufig ist in der Literatur zum Tourismus zu lesen, dass die Welt Tourismus Organisation, eine Behörde der Vereinten Nationen, eine allgemein akzeptierte Definition geliefert hat. Da lässt sich ein ganzer Wissenschaftszweig von einer Behörde seine Kern-Definition diktieren. Und die klingt dann so:
"Tourismus sind die Aktivitäten von Personen, die zu Orten außerhalb ihrer gewohnten Umgebung reisen und sich dort für höchstens ein Jahr aufhalten, sei es zu Freizeit-, Geschäfts- oder anderen Zwecken, die nicht mit einer entlohnten Tätigkeit am besuchten Ort zusammenhängen."(2)
Die UNWTO und viele andere Forscher sind der Überzeugung, dass Tourismus ausschließlich als Verhalten der Reisenden definiert werden kann. Und was ist mit dem Angebot? Wird das völlig zufällig genutzt, wenn vorhanden? Wird das in keiner Weise koordiniert oder an den Bedürfnissen der Reisenden ausgerichtet? Schauen wir mal!
Reisen im Neolithikum
Schon im Neolithikum, seit die Menschen sesshaft wurden, unternahmen sie Reisen. Auch nach Helgoland lassen sich Reisen bis zu 4.000 v. Chr. nachweisen.(3) Das ist zeitlich vor Stonehenge bzw. während der ersten Phasen von Stonehenge anzusiedeln. Dass die Insel in der Zeit besiedelt war und dass es einen Austausch mit dem Festland gab, gilt als sicher.(4) Helgoland war zu dieser Zeit westlich größer. Eine Landverbindung soll bis rund 5000 v. Chr. bestanden haben.
Waren diese Reisen bereits steinzeitlicher Tourismus? Es gab Händler, die den Feuerstein auf Helgoland kauften, ihn bearbeiteten und anschließend weiterverkauften. Die Archäologie spricht gar von Transportsystemen, Handelswegen und -netzwerken zum Beginn des 4. Jahrtausends v. Chr. auf und um Helgoland.(5) Weshalb ist man sich sicher? Der rote Feuerstein kommt nur auf Helgoland vor.(6) Und wenn er anderenorts gefunden wird, muss er transportiert und gehandelt worden sein. Das vorhandene System wäre nach der UNWTO-Definition als Tourismus zu verstehen. Dann wäre das demnach stein- oder bronzezeitlicher Geschäftstourismus. Und das vor über 6.000 Jahren auf Helgoland. Das ist beachtlich! Geschäftliche Reisen waren das seinerzeit bestimmt; das aber als Tourismus zu betrachten, sprengt meiner Meinung nach den Rahmen.
Tourismus in der Antike
In der Antike, zu den ersten Olympischen Spielen, wurden Reisen unternommen. War das Tourismus? Schon eher! Die Forscher sind sich recht einig, dass hier eine frühe Form des Sporttourismus bestand.(7) Es hat Unterkünfte, Verpflegung und Unterhaltungsangebote gegeben. Es kamen Sportler, Zuschauer, Funktionäre und ein gewisses Who is Who zu den Spielen. Kurz: es gab nicht nur Reisende, die extra zu den Spielen an- und wieder abgereist sind, es gab dafür auch passende Reiseangebote. Es war eine Nachfrage und ein geeignetes Angebot an touristischen Dienstleistungen vorhanden. Deshalb kann bei den ersten Olympischen Spielen tatsächlich von frühen Formen eines Tourismus gesprochen werden.
Ähnlich ist es im Bereich des Gesundheitstourismus am Beispiel des Heiligtums des Asklepios in Epidauros. Dies gilt als eine der ersten Kuranstalten im antiken Griechenland. Neben den Kuranlagen bestand ein angeschlossenes Sanatorium. Auch hierher fanden Reisen mit einem bestimmten Motiv statt: Genesung, Erholung aber auch Kommunikation.(8) Die Literatur bestätigt Reisemotive und denen entsprechende gesundheitliche Angebote. Man kann von antiken Urformen eines Gesundheitstourismus sprechen.
Wir müssen also, um Tourismus beurteilen zu können, das Angebot und die Nachfrage gleichermaßen betrachten. Bei der Nachfrage sind Bedürfnisse erforderlich. Reisebedürfnisse, also Bedürfnisse, die sich durch die Reise an den ausgewählten Ort oder die besuchte Region befriedigen lassen. Und dem gegenüber sind den Bedürfnissen entsprechende Angebote in gezielter Absicht zu schaffen, um die Reisebedürfnisse befriedigen und dem Reiseverhalten entsprechen zu können.
Sind diese Voraussetzungen gegeben, kann nach meiner Auffassung von Tourismus gesprochen werden. Also: eine spezifische Reise-Nachfrage trifft auf ein spezifisches Reise-Angebot (Verkehrsmittel, Unterkunft und Gastronomie, Orte mit besonderen Eigenschaften, Museen, o. ä.
Deshalb ist mein eigener Definitionsansatz(9) etwas komplexer:
"Im Tourismus werden an Reisebedürfnisse potenzieller Kunden angepasste Sach- und Dienstleistungen zur freien Disposition oder gebündelt angeboten und in Anspruch genommen, die ihren Kristallisationspunkt immer an einem Ort oder in einem Gebiet mit natürlichen oder künstlichen Angebotsvoraussetzungen haben."
Heute zählen selbstverständlich Geschäftsreisen, Inlands- und Auslandsreisen aber auch Tagesreisen zum Tourismus. Das war nicht immer so. Es gab rein theoretisch lange die skurrile Situation, dass ein Urlaubsgast (Tourist) in Cuxhaven, wenn er einen Ausflug bzw. eine Tagesfahrt nach Helgoland unternahm, dort im Grunde kein Tourist war.
Früher Tourisus auf Helgoland?
Und wie steht es jetzt mit Helgoland? Ab wann gibt es dort Tourismus? Um das zu beurteilen, muss die Nachfrage und das Angebot betrachtet werden. Welche Reisen sind eigentlich bekannt?
“Nach einer Lübecker Chronik sollen sich von etwa 1425 an große Heringsschwärme bei der Insel gezeigt haben. Sie zogen Bremer, Hamburger, Stander, Utholmer, Sylter und Wangerooger Fischerfahrzeuge und Kaufleute nach der Insel. Ihre Zahl und die Größe der Schiffsmannschaften muß recht erheblich gewesen sein. Lorenz Petersen hat sie für das erste Viertel des 16. Jahrhunderts wie folgt berechnet:
1500 - 1875 Personen
1501 - 1710 Personen
1513 - 1510 Personen
1520 - 2850 Personen
1522 - 1900 Personen"(10)
Diese Gästeankünfte, die aus beruflichen bzw. geschäftlichen Gründen stattfanden, sind zunächst an sich noch kein Nachweis eines frühen Tourismus. Gibt es ein gezieltes Angebot an Verkehrsinfrastruktur, Beherbergung und Gastronomie? Die Bedürfnisse sind rein beruflicher Natur: Heringe fangen und Geld verdienen.
Viele berühmte Personen sind nach Helgoland gereist und das auch von vor weit mehr als 200 Jahren. 1790 besuchte Alexander von Humboldt Helgoland, weil sein Interesse an der Meeresbiologie schon in jungen Jahren gereift ist.(11) Solche Forschungsreisen werden immerhin als aufkommender Bildungstourismus verstanden, zumal sich mit dieser Gewohnheit vor allem junger Adliger auch die Zahl der angebotenen Herbergen in Deutschland und Europa erhöhte.(12) Doch auf Helgoland in diesem Zusammenhang von Bildungstourismus zu sprechen ist mehr als gewagt.
Eins ist klar. Es bestand die Möglichkeit nach Helgoland zu reisen, mit Segelschiffen. Gab es auf Helgoland in der Zeit bereits Unterkünfte?
Zwischen 1806 und 1814 hat Helgoland von der Kontinentalsperre profitiert, weil es wirtschaftlicher Dreh- und Angelpunkt für den englischen Seeschmuggel in der deutschen Bucht war.(13) Die Helgoländer verdienten in dieser Zeit mit der Vermietung viel Geld.(14) Reisende berichten zu dieser Zeit gar von einem insularen Schlaraffenland.(15)
„Bald tummelten sich hier tausende von Werbern, Schmugglern, Spionen, Agenten und Kaufleuten aller Art. […] Auch der kleinste Packraum erhielt Wert. Kleine Zimmer brachten wöchentlich 50 bis 100 Mark Miete ein. Ein Barbier hauste, weil er kein anders Obdach finden konnte, gleich weiland Diogenes, in einer Tonne.“16)
Demnach hat es um 1908 bereits Unterkünfte für Reisende gegeben.
„Hätte ich sonst nicht schon vor 25 Jahren bei Johann Dencker Krüß in Helgoland von meinem Zimmer aus, mit meinem Frauenhofer, auf hunderte von Menschen schauen können, die sich nackend und neckend in die schäumenden Wellen stürzen und in dem Heilquell, dem unerschöpflichen, Leib und Seele stärken?"(17)
Das zumindest berichtet Salomon 1834. Nicht nur, dass er bei Johann Dencker Krüß eine Unterkunft bekommen hat, sondern dass bereits 1809 hunderte von Gästen auf der Insel waren, um Seebäder zu nehmen. Und das offenbar parallel zur Entwicklung während der Kontinentalsperre. Offenbar sind die Reisenden in dieser Zeit bereits wegen Helgolands Nordsee-Heilkräften nach Helgoland gefahren. Andere suchten ihr Glück im Umgehen der Kontinentalsperre.
Von der Decken schreibt 1826:
„Die Insulaner gelangten in kurzer Zeit zu einem Besitze von baarem Gelde, der mit ihrer bisherigen Einnahme und Ausgabe nicht in richtigem Verhältnisse stand. Zwar erhielten die Wirthshäuser einen bedeutenden Antheil von dem Gelde der Ausländer, und die Helgoländer mußten ihre Lebensmittel um einen vierfach höhern Preis bezahlen. Allein es blieb dessen ohnerachtet vieles baare Geld in ihren Händen, zu dessen zweckmäßigem Gebrauche es ihnen an Gelegenheit und Kenntniß mangelte; […]“(18)
Tourismus? Naja, im strengen Sinn ja: Das kann als Tourismus bezeichnet werden; denn es gab verschiedene Motive, Wünsche, Bedürfnisse nach Helgoland zu reisen. Es gab Schiffsverbindungen und es gab Unterkünfte und Wirtshäuser: Um 1790 soll es ca. 10 „Krüger“ oder „Zapfer“ gegeben haben.(19) Seit 1810 existierte auf der Insel Bufes Restaurant.(20)
Das sind Voraussetzungen für Tourismus. Vielleicht sollte man hier von einer touristischen Vor-Phase sprechen, die evtl. Mitte des 18. Jahrhunderts begann und bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts andauerte.
Ausblick
Was für interessante Erkenntnisse: man könnte beinahe behaupten, dass es schon vor 6.000 Jahren Tourismus auf Helgoland gegeben hätte, wenn man sich an der UNWTO-Definition entlanghangelt. Aber wir haben gesehen, dass es mehr braucht als nur das Reisen, um von Tourismus zu sprechen.
Wie sich das in der Gründung von Seebädern umsetzte und was auf Helgoland hierfür die Treiber waren, darauf werde ich im nächsten Blog eingehen.
Es grüßt herzlich
Ihr
Martin Linne
Quellen
1) Schullern zu Schrattenhofen 1911, o. S., zit. in: Freyer 2006, S. 1.
2) Glossary of tourism terms | UNWTO; https://www.untourism.int/glossary-tourism-terms#V
3) Vgl. Beuker et al. 2012. O. S.
4) Vgl. Ahrens 1980, S. 29f.
5) Vgl. Beuker et al. 2012, o. S.
6) Vgl. Beuker et al. 2012, o. S.
7) Vgl. Krüger 1995, S. 1.; vgl. Bieger 2006, S. 47; vgl. UNESCO 2025, o. S.
8) Vgl. Menke zum Felde 2025, S. 36f.
9) Linne 2008, S. 27.
10) Siebs, Wohlenberg 1952, S. 120.
11) Vgl. Kortum 1994, S. 111.
12) Vgl. Bieger 2006, S. 48, vgl. Freyer 2006, S. 12.
13) Siebs, Wohlenberg 1952, S. 121.
14) Vgl. Wallmann 2017, S. 64.
15) Vgl. Rickmers 1952a, S. 26f.
16) Oetker 1855, S. 338; Siebs, Wohlenberg 1952, S. 121.
17) Salomon 1834, S. 2.
18) Von der Decken 1826, S. 194.
19) Siebs, Wohlenberg 1952, S. 163.
20) Badeverwaltung Helgoland 1912, o. S.