Folge 3: Aus der Not geboren
Freitag, 23. Januar 2026 von Martin Linne
Von Seebädern, Kronkolonien und verpassten Chacen
Wenn die Idee des Tourismus kommt und niemand Hurra schreit.
In diesem Blog geht es um die Geschichte der Seebäder und die britische Krone. Über Kronkolonien und wie sich das auf Helgoland zugetragen hat. Welche Rolle spielten englische Badeärzte dabei? Davon berichtet dieser Blog.
Viel Spaß beim Lesen!
Leere Kassen nach der Kontinentalsperre
Wir beginnen unsere ZeitReise zur Zeit der Kontinentalsperre. Auf der Insel Helgoland wurde in der Zeit der Kontinentalsperre extrem viel Geld verdient. Schnell war es jedoch auch wieder ausgegeben; denn schon kurz nach 1814 herrschte auf Helgoland wieder große Armut.(1)
„Nur zu leicht hatten sich die Inselbewohner den Sitten der Gäste angepaßt. Die wenigsten verstanden das mühelos verdiente Geld festzuhalten. Als 1814 nach dem Kieler Frieden die neue Einnahmequelle versiegte, kehrte bei den ihres Fischerberufes entwöhnten Helgoländern bittere Not ein. Konkurse waren an der Tagesordnung. Mancher Helgoländer mußte damals auswandern.“(2)
Idee englischer Badeärzte
In die Notzeit nach der Kontinentalsperre fielen die Überlegungen englischer Badeärzte, auf Helgoland ein Seebad zu gründen. Dass Meerwasser einen medizinischen Nutzen stiftete, untersuchen Ärzte in England bereits vor dem 19. Jahrhundert. 1750 verfasse Richard Russel seine Dissertation zu diesem Thema und begründete fortan in Brighton eine Seebadeanstalt.(3)
Am 4. Dezember 1819 berichtete das Hannoversche Magazin von den großen Potenzialen, die ein Seebad auf Heiligeland hätte. Dort steht:
„Schon seit einiger Zeit haben die englischen Ärzte den Anfang gemacht, Kranke, für welche man die Seeluft für sehr vortheilhaft erachtet, statt nach Lissabon oder nach den Küsten des mittelländischen Meeres nach Heiligeland zu schicken.“(4)
Das riecht nach Tourismus! Aber das Magazin berichtet weiter:
„Der Felsen von Heiligeland würde in der englischen Arzneikunde vielleicht eine eben so bedeutende Rolle spielen, als die hierischen Inseln im mittelländischen Meere, wenn nicht der gänzliche Mangel an den gewohnten Bequemlichkeiten des Lebens und der Geselligkeit, das Vergnügen der Gesellschaft zu genießen, der eingeschränkte Raum zu Bewegungen, den der geringe Umfang von Heiligeland verstattet, und endlich die große Theurung, die daselbst herrscht, die Engländer abschreckte, den Norden dem Süden vorzuziehen.“(5)
Aus der Traum! Doch kein Tourismus? Eher das vertraute Gegenteil:
„Aber in Heiligeland sind keine Badeanstalten. Um sich den Augen anderer zu entziehen, ist der Badende genötigt, sich nach der gegenüber liegenden Sandinsel übersetzen zu lassen, wo viele Plätze sind, die zum Baden Sicherheit gewähren.“(6)
Exkurs Seebad
Das Seebad ist eine englische „Erfindung“. In Scarborough, an der englischen Nordseeküste gelegen, wurde bereits 1730 das erste Heilbad überhaupt gegründet.(7)
Ausgerechnet Nordsee. Da ist es kalt und windig. Hätte man das nicht wenigstens am Mittelmeer erfinden können? Da ist es wärmer, das Baden im Meer macht mehr Spaß. Aber nö! Es musste die kühle Nordsee sein. Und das mit Recht; denn die medizinische Indikation leitete sich unter anderem aus der Kühle der Bäder, dem Wellenschlag am Körper und den Aerosolen ab, die das Meer in die Luft aufwirbelt.(8)
Der Trend, ein Seebad zu errichten, begann also unter britischem Einfluss und setzte sich verzögert auf dem Kontinent durch. Es ging zunächst darum, eine Seebadeanstalt zu errichten, also technische Voraussetzungen zu schaffen, um im Meer baden zu können. Um 1750 wurden in England die Badekarren (bathing machine) erfunden.(9) Damit wurde realisiert, dass man, in diesem Fall sowohl Mann als auch Frau, sich diskret umkleiden und nicht unter den Augen Fremder ins Meer zum Baden eintauchen konnte.
Im aktuellen Kontext deutet Seebad auf einen besonderen Status eines Ortes hin, der ihn als anerkannten Kurort prädikatisiert. Gob und vereinfacht dargestellt unterscheiden wir: Erholungsorte, Luftkurorte, Kurorte und Heilbäder. Sind die Orte als solche staatlich anerkannt, dürfen sie zur Finanzierung der Infrastruktur eine Kurabgabe erheben. Anträge werden bei den Landesverwaltungen gestellt.(10)
Helgoland ist Nordseeheilbad. Helgoland erfüllt somit die Anforderungen für die Anerkennung als höchstprädikatisiertes Seeheilbad.
Verpasste Chance
In England boomt der aufkommende Badetourismus. Der Badeurlab an den Küsten der Nordsee wurde hochgeschätzt. Bald schwappte der neue Trend nach Deutschland über. In Heiligendamm wird 1793 an der Ostsee das erste Seebad gegründet.(11)
Und auf Helgoland? Es hätte also schon vor 1826 „moderne“ Formen des Bade-Tourismus auf Helgoland geben können, wenn man denn die Chancen frühzeitig erkannt und es gewollt hätte. Auf dem Festland, in England und Deutschland, hat man das. Aber auf Helgoland offenkundig nicht. Es ist so deutlich, dass Helgoland schon immer ein echtes Alleinstellungsmerkmal besaß, auf dem sich frühzeitig ein Tourismus hervorragend hätte aufbauen lassen können.
Auch wenn mit den Reisenden Geld verdient werden konnte, so standen die Helgoländer der vorstehenden Veränderung skeptisch gegenüber. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass Gäste freiwillig die beschwerliche Reise auf sich nahmen und den mangelnden Komfort und die fehlenden Freizeiteinrichtungen nur wegen der guten und als Heilsam angesehenen Nordseeluft auf sich nahmen.(12) Diese Situation muss vergleichbar gewesen sein mit der Idee aus 2008, Insel und Düne miteinander zu verbinden, um der Gemeinde und dem Wirtschaftsstandort Helgoland ein besseres Auskommen zu sichern.
Ausblick
Doch wie gelang es schließlich, mit der Idee einer Badeanstalt, aus der wirtschaftlichen Krise herauszukommen? Wer war der Treiber? Wer war dieser Jacob Andresen Siemens? Was hatte er vor? Und wie hat er es am Ende tatsächlich geschafft, auf Helgoland ein Seebad zu gründen?
Dazu mehr in der nächsten Folge!
Es grüßt herzlich
Ihr
Martin Linne
Quellen
1) Wallmann 2017, S. 64.
2) Siebs, Wohlenberg 1953, S. 121.
3) Vgl. Salzman 1940, S. 244ff.
4) O. V. 1819, S. 1538.
5) O. V. 1819, S. 1538f.
6) O. V. 1819, S. 1538f.
7) Vgl. Menke zum Felde 2025, S. 61.
8) Vgl. Uterharck 1952, S. 80ff.
9) Vgl. Menke zum Felde 2025, S. 61.
10) Vgl. Menke zum Felde 2025, S. 147ff., S. 155, S. 160.
11) Vgl. Menke zum Felde 2025, S. 61.
12) Vgl. Packroß 1952, S. 78.