Folge 4: Die Gründung des Seebads
Montag, 26. Januar 2026 von Martin Linne
19. Februar 1826: die GRündung des Seebades
Über die Gründung der Aktiengesellschaft Seebad Helgoland, die Beharrlichkeit des Jacob Andresen Siemens und ein schlechtes Gewissen. Die Frage ob überhaupt eine Aktiengesellschaft gegründet wurde, Shareholder Value um 1830, Siemens' Selbstkritik und das Ende der AG 1864.
Viel Spaß beim Lesen!
Schwierige Zeiten nach 1814
„Nach dem Kieler Frieden (1814), durch welchen die Engländer in dem Besitz von Helgoland bestätigt wurden, wurde es auf der Insel plötzlich wieder still. Der leicht gewonnene Wohlstand war ebenso rasch zerronnen, und Schmalhans zog bei den an ein faules Leben gewöhnten Eingeborenen ein, als sie durch eine neue Erleuchtung aller Sorgen ledig wurden. 1826 machte Jakob Andresen Siemens seinen Landsleuten den Vorschlag, hier ein Seebad zu gründen; der erste Versuch fiel glücklich aus, die Packhäuser und Schuppen auf dem Unterland wurden zu Logierhäusern umgebaut, die Börse, das jetzige Nordseemuseum, in ein Kurhaus verwandelt, und bald zog neuer und dauernder Wohlstand in die verarmten Wohnungen ein.“(1)
Paul Kuckuck zeichnet kein gutes Bild von den Helgoländern und stellt die Ausgangssituation nach 1814 dennoch treffsicher dar. Die Bevölkerung war verarmt. Man sah keine Perspektiven. Das erträgliche Lotsenwesen brachte nichts mehr ein. Die Fischerei reichte knapp zum Überleben.
Mit Konsequenz und Beharrlichkeit
Die Lösung lag im Grunde auf der Hand; aber es brauchte mehrere Jahre, sie erfolgreich umzusetzen. Die Überlegungen englischer Badeärzte, um 1818 Helgoland als Seebad zu entwickeln, blieben natürlich auf der Insel nicht unbeobachtet. Es kamen Gäste aus England, um die saubere Luft zu erleben. Siemens hat die Idee des Bades nicht erfunden. Er hat sie aber als einziger mit Nachdruck und guter Planung umgesetzt. Jacob Andresen Siemens griff die Idee ab 1823 auf, Helgoland neben der Fischerei eine weitere Einnahmequelle zu erschließen: das Badewesen.(2) Die Fakten waren bekannt. Die Voraussetzungen als Seebad waren erfüllt, nur die Helgoländer sahen es nicht. Es war für Siemens nicht leicht gewesen, für seine Vorstellungen Unterstützer zu finden; denn er benötigte drei Jahre dafür, die Helgoländer davon zu überzeugen und Geldgeber zu finden. Insbesondere die Finanzierung war schwierig, weil Helgoland im Grunde pleite und die Bevölkerung verarmt war.(3)
Tatsächlich war Siemens Initiator und Gründer der AG. Er hat das Seebad nicht erfunden. Er war nur der Einzige, der konsequent darauf hingewirkt hat, dass Helgoland seine balneologischen Potenziale ausschöpfen kann.
Siemens war beharrlich und hat es geschafft. Er erwirkte tatsächlich eine Art Wettbewerbsschutz, so dass keine andere Badeanstalt bis 1860 errichtet werden konnte.(4) Mit dieser Zusage gewann er 18 Aktionäre, die jeweils 100 Hamburgische Mark in die Aktiengesellschaft Seebad Helgoland einlegten.(5) Einige Aktionäre kamen aus Hamburg und Altona.(6)
Das war am 19. Februar 1826. Siemens gilt seither als Gründer des Seebades Helgoland.
Seiner Zeit weit voraus – eine Aktiengesellschaft?
Auf Helgoland wurde 1826 von Jacob Andresen Siemens eine private Aktiengesellschaft für den Betrieb des Seebades Helgoland gegründet. Das ist aus heutiger Sicht, wo das Destinationsmanagement überwiegend in kommunaler Hand liegt, sensationell modern, entsprach aber damals durchaus den Gepflogenheiten.
Tatsächlich wurden Bäder schon früher in verschiedenen Rechts- bzw. Organisationsformen geführt. 1898 berichtet das Preußische Statistische Büro, das im preußischen Staat 1891/1895 43 Bäder und Versandbrunnen in Form von Aktiengesellschaften geführt werden. Im Regierungsbezirk Schleswig gehörten dazu Augustenburg, Kappeln (Schleimünde) und Oldesloe. Andere werden als Privatbesitz angegeben: Aarösund, Alt Heikendorf, Amrum, Bockholm, (Badeanstalt Johannesberg), Borby, Bramstedt, Büsum, Gravenshoved, Heiligenhafen, Höruphaff, Kappeln (Steinberghaff, Waldlust und Katharinenbad), Kollund, Mummark, Neustadt in Holstein, Nieblum auf Föhr, Norgaardholz, St. Peter, Segeberg (das Steinsalzlager und die Soole gehören dem Staate) , Sölyst, (Viktoriabad) , Süderhaff, Tetenbüllspieker, Tönning , Vollerwiek, Wassersleben, Wenningstedt auf Sylt, Westerland auf Sylt und Wyk auf Föhr.(10)
Doch, konnte Siemens damals zu englischer Zeit auf der Insel überhaupt eine Aktiengesellschaft gründen? – Das ist fraglich; denn es gibt den so genannten Bubble Act aus dem 6. Jahr der Regentschaft von Georg IV. Dort wurde das Gründen privater Aktiengesellschaften untersagt.(11) Mit Aktiengesellschaften wurde seinerzeit viel Schindluder getrieben, sodass sich der König genötigt sah, reglementierend einzugreifen.
Aktiengesellschaften kamen im 17. Jahrhundert auf, um Handelskompanien für die Kolonien zu gründen. Im 18.und 19. Jahrhundert erlebten sie eine Blüte (bubble), weil auf deren Basis der Eisenbahnbau finanziert werden konnte. Der Bubble Act wurde erst 1879 aufgehoben.(12) Ausnahmen waren nur mit königlicher Genehmigung zulässig.
Davon berichtet die Literatur jedoch nichts. Ob er eine Genehmigung hatte oder ob er die Aktiengesellschaft nach Hamburgischem oder Preußischem Recht gründete, ist nicht nachvollziehbar.
Was sagt Siemens selbst dazu?
Er spricht von „zusammengebrachten Kräften“, die das Seebad „gestiftet“ hätten.(13) 1844 schreibt er „So brachte ich das Seebad […] zustande.“(14)
Was sagen Zeitgenossen zur Gründung?
In der Literatur wird die Gründung unterschiedlich dargestellt. Aber sehr häufig wird von Aktien und einer Aktiengesellschaft berichtet. So schreibet z. B. Wienbarg 1838, der Jacob Andresen Siemens persönlich kannte.
"Als der Verfall der Nahrung auf der kleinen, übervölkerten Insel drohender wurde , ergriff Siemens das in seinen Augen äußerste Mittel, der Insel aufzuhelfen , nämlich er stiftete die Badeanstalt, trieb und beförderte alles , was dazu nöthig war , steckte hinter allem , was zu Tage kam , verbürgte sich , und administrirte mehrere Jahre hindurch die schnell aufblühende Anstalt mit Geschick , Sorgfalt und gänzlicher Uneigennüzigkeit. Die Aktien stiegen , das Geschäft für Helgoland war etablirt , und er retirirte sich wieder in seine Zimmerbude."(15)
Auch Oetker erwähnt 1855 die Gründung einer Aktiengesellschaft.
"Eine Akziengesellschaft ward gegründet und mit Ach und Krach brachte man bis 1826 etwa 20 , bis 1831 gegen 50 Akzien, jede zu 100 Mark , unter. Die Gesellschaft erhielt eine Art Privileg , und 1826 kamen vier Badekarren auf der Düne und zwei am Strande des Unterlandes in Thätigkeit."(16)
Und auch Boas berichtet aus dem Jahr 1847, dass es sich um eine Gesellschaft gehandelt haben muss, deren Aktien im Wert stiegen:
„Mit dem alten Bufe vereinigt, gründete er im Jahr 1826 die helgolander Badeanstalt, und mußte gegen hundert Schwierigkeiten ankämpfen, doch seine eiserne Ausdauer besiegte sie alle. Er war das belebende Princip der ganzen Unternehmung ; er ordnete, leitete , sorgte und schaffte rastlos . In den ersten Jahren stand er dem Seebade vor, aber je rascher dasselbe sich hob , um so schneller erkaltete die Anerkennung seiner Verdienste , und je mehr die Aktien stiegen , um so weniger bedurfte man ihn. Siemens ist ein Mann des Ausrodens , des Urbarmachens und Anbauens das Früchteernten muß er Andern überlassen , darum nahm er jetzt seine Art und ging wieder still in die Schiffbauwerkstatt zurück.“(17)
Wie ging es weiter mit der Aktiengesellschaft Seebad Helgoland?
Unabhängig von dieser eher juristischen Frage ist klar: Siemens hatte mit seiner Beharrlichkeit Recht. Das zeigt die Entwicklung der jungen AG, wie sie in der Literatur beschrieben wird. Trotz aller Widersacher gelang es Siemens, das Aktienkapital der AG bis 1831 auf 5.150 Mark zu erweitern.(18) Siemens hatte Unterstützer. 1833 kam Dr. Heinrich von Aschen als Badearzt nach Helgoland.(19) Er war von der Insel und der balneologischen Wirkung fest überzeugt und setzte sich massiv für die Weiterentwicklung des Seebads ein.
Die touristische Entwicklung Helgolands nahm recht schnell Fahrt auf. 1830 wurde auf Helgoland eine Spielbank offiziell erlaubt, ein Schmuck all jener Bäder dieser Zeit, die etwas „auf sich hielten“.(20)
Laut Literatur soll die AG erfolgreich gewesen sein. Es wurden rasch Dividende ausgeschüttet. Enorme Dividende… Die Dividenden an die Aktionäre stiegen in den ersten Jahren von 5% auf 30% und in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf 100%.(21) Das schafft selbst die TUI AG nicht.
Solche Renditen wirken aus heutiger Sicht selbst in Zeiten von Shareholder Value merkwürdig. Und auch damals kam Kritik auf, von einem Badegast. Der Text von 1855 spricht Bände:
„Die Direktion wird von den Aktionären gewählt und ist von ihnen anhängig. Kein Wunder also, wenn bei der ganzen Verwaltung die Vertheilungskräfte allzusehr in den Vordergrund treten und die Klagen der Fremden ohne abhülfe bleiben. Gar Vieles könnte geschehen und geschieht nicht. Die Mangelhaftigkeit des Badestrandes und der Einrichtungen im Unterlande, der Schmutz in den Wegen, die unzureichende Bedachung auf der Düne, dies und manches Andere hätte schon längst Veranlassung sein sollen, alljährlich ein paar tausend Mark zu verwenden oder zu größeren Einrichtungen zurückzulegen."(22)
Der Badearzt von Aschen, selbst Aktionär, soll versucht haben, das zu verhindern. Er konnte sich im Kreise der Aktionäre jedoch nicht durchsetzen.(23)
Exkurs Shareholder-Value
Manager richten ihr Handeln am Börsenkurs der AG aus, realisieren Kurssteigerungen, die oft zulasten der Substanz des Unternehmens gehen.(24) Und auf Helgoland geschah offenbar vor 170 Jahren ähnliches. Die Aktionäre der jungen Seebad AG wirtschafteten in Ihre eigenen Taschen, zahlten sich Traum-Renditen aus, aber vernachlässigten das Angebot. Sie nahmen die Unzufriedenheit der Gäste in Kauf. Man möchte fast an den Webespruch denken: „Some things never change!“
Selbstkritik von Siemens
Auch von Siemens selbst gibt es selbstkritische Ansichten dazu:
"Wohl hielt es schwer, sehr schwer um das schwache Machwerk , doch fand es Belieben und Beifall von den Fremden ; in den ersten Jahren leistete es fast nur Trost, doch auch einigen Verdienst ; bei übrigens stets größeren Mängeln verschlimmerte sich indessen die allgemeine Lage noch bedeutend ; doch bald wirkte die Anstalt kraftvoller verbessernd ein : in den lezten Jahren gewährte sie Erhebliches schon ; jedoch , seit ein Dampfschiff von Hamburg Fremde zu Hunderten zum Bade und zur Lust nach der Insel führte , baut sie und erneuert Häuser , erleichtert Vieler Lagen , gewährt selbst Manchem Wohlstand , macht den Einen durch den Andern durch Genuß und Hoffnung froh und leicht , lohnt auch Betheiligten der Anstalt mit Gewinn."(25)
Hier wird ein Erfolgsfaktor deutlich: die Anbindung an Hamburg. Dieser Effekt wirkt bis heute. Auf der Insel spürt man deutlich, wenn der Katamaran ab Hamburg kommt. Es kommen deutlich mehr Gäste und in den Geschäften steigen die Umsätze.
Ausblick
Was hat Siemens eigentlich genau umgesetzt. Unter Seebad dürfen wir 1826 nicht den Ort versehen, so wie es heute Bad Helgoland heißen könnte. Er gründete Einrichtungen zum Betrieb einer Badeanstalt. Was genau das damals vor 200 Jahren bedeutete und ob Siemens dabei sogar visionär war, das kommt im nächsten Blog.
Dazu mehr in der nächsten Folge!
Es grüßt herzlich
Ihr
Martin Linne
Quellen
1) Kuckuck, P. 1924, S. 114f.
2) Vgl. Packroß 1952, S. 76; vgl. Meyer 1980, S. 96.
3) Vgl. Packroß 1952, S. 78; vgl. Meyer 1980, S. 96.
4) Vgl. Oetker 1855, S. 33.
5) Vgl. Packroß 1952, S. 78; vgl. Meyer 1980, S. 96.; vgl. Nöckel 1972, S. 25.
6) Vgl. Siebs, 1952, S. 192.
7) Rickmers, Röper, Huster 1965, S. 29.
8) Norbert 1926, o. S.
9) Denkmal-Komitee Helgoland 1926.
10) Zeitschrift des königlich preußischen statistischen Büros 1898, S. 254f.
11) https://books.google.de/books?id=vqZFAAAAcAAJ&hl=de&pg=PA271#v=onepage&q&f=false.
12) Liste der Gesetze des Parlaments des Vereinigten Königreichs ab 1825 – Wikipedia; https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_acts_of_the_Parliament_of_the_United_Kingdom_from_1825#cite_note-23
13) Vgl. Siemens 1835. S. 20.
14) Vgl.Siemens 1844, S. 32.
15) Wienbarg 1838, S. 51.
16) Oettker 1855, S. 38.
17) Boas 1847, S. 316f.
18) Vgl. Siebs 1952, S. 192.
19) Nöckel 1972, S. 26.
20) Vgl. Norbert 1926, o. S.
21) Vgl. Siebs 1952, S. 197.
22) Oetker 1855, S. 34f.
23) Vgl. Oetker 1855, S. 35.
24) Vgl. Linne 2024, S. 94f.
25) Siemens 1835, S. 21.
26) Vgl. Rickmers, Röper, Huster 1965, S. 31; vgl. Meyer 1980, S. 96.