Folge 6: Erfindung der Kurtaxe?
Samstag, 31. Januar 2026 von Martin Linne
Das Märchen von der Erfindung der Kurtaxe
Siemens war der Macher, der Beharrliche, der Geduldige. Trotzdem brauchte er 3 Jahre für die Gründung der Aktiengesellschaft. Dass er dabei quasi als Geniestreich die Kurtaxe erfunden habe, soll hier überprüft werden. Ebenso will ich schauen, wie die AG aus heutiger Sicht einzuordnen ist: als Betreiber einer Badestelle, als Reiseveranstalter oder gar als Destinationsmanager. Fun-Fact am Rande: Aktiengesellschaften brauchten auf Helgoland 3 Jahre. Genossenschaften lassen sich neuerdings auf Helgoland in 3 Wochen gründen! Viel Spaß beim Lesen!
Die Erfindung der Kurtaxe
Mit der Gründung der AG belässt es Siemens nicht. Er braucht die Helgoländer, damit sie ihm Unterkünfte zur Verfügung stellen. Er erkannte, dass sie damit Geld verdienen könnten und forderte 10% der Einnahmen aus der Vermietung an die AG abzuführen. So sah er den Fortbestand, den Betrieb und die Unterhaltung der Betriebsmittel ermöglicht. In der Literatur lässt sich die Aussage finden, Siemens hätte damit kurzerhand die Kurtaxe erfunden.(1)
Einordnung der Siemens’schen Erfindung
Diese 10%-ige Abgabe, die Siemens von den Vermietern direkt kassiert hat, erinnert mehr an eine Vermittlungsprovision und weniger an eine Kurtaxe. Die Kurtaxe wird von den Gästen gezahlt. Eine Provision ist von Vermietern an Vermittler zu entrichten.
Diese Abgabe könnte auch mit einer heutigen Tourismusabgabe vergleichbar sein, bei der die vom Tourismus profitierenden Betriebe einen Anteil der Umsätze an die Kommune abführen. – Immerhin hat Siemens frühzeitig erkannt, dass die wirtschaftlichen Profiteure des Tourismus einen finanziellen Beitrag leisten sollten.
Welche Funktion hatten denn die Aktiengesellschaft Seebad Helgoland wirklich inne?
Die AG als Reiseveranstalter?
Es entsteht der Eindruck, dass die Aktiengesellschaft eher wie ein Reiseveranstalter auftritt. Das lässt sich anhand der Aussage bestätigen, dass Siemens von den Vermietern einen 10%- igen Abschlag kassierte. Und das für die Gäste, die er auf die Insel geholt hat. Wenn er die Beherbergung und die Überfahrt incl. Badnutzung vorab als „Helgoland Reise“ verkauft hätte, wäre er nach heutigem Recht Reiseveranstalter. Um ihn aus wirtschaftlicher, nicht rechtlicher, Sicht als Reiseveranstalter einordnen zu können, müsste er gesehen haben, dass er durch den gebündelten Einkauf günstigere Preise realisieren kann und mit deren Verkauf einen positiven Deckungsbeitrag erwirtschaften kann.
Jetzt wird es im Sinne der Tourismus-Geschichte interessant. 14 Jahre später, 1841, erfindet Thomas Cook die Pauschalreise (s. Blog 1).(4) Genauere Untersuchungen belegen zwar, dass es zuvor auch andere Ansätze gab, aber schließlich entstand aus der Idee das Reiseunternehmen Thomas Cook, welches über Jahre zu den größten und erfolgreichsten Anbietern der Touristik zählte.
1844 und 1845 gründeten in England Henry Gase und Joseph Crisp Reiseunternehmen. Man erkannte in der Zeit offenbar, dass man mit dem gebündelten Einkauf Rabatte erzielen konnte und durch den Verkauf folglich positive Deckungsbeiträge erwirtschaften konnte.(5) War Jacob Andresen Siemens früher als die Engländer dabei, Reisen erfolgreich zu vermarkten?
Das sehe ich hier nicht. Die Organisation der Reise bzw. die Hilfen bei der Reise wirken individuell und nicht pauschalisiert. Die Pauschalreise hat er nicht „erfunden“. Dennoch drängt sich der Verdacht auf, dass er bestimmte Funktionen eines Reiseveranstalters umgesetzt hat.
Die Raumüberbrückungsfunktion eines Veranstalters. Er macht dem Gast die beschwerliche Information und Buchung der Reise einfach und ermöglicht damit die Reise „weit“ übers Meer nach Helgoland. Wir dürfen nicht vergessen, dass das alles vor 200 Jahren geschah, ohne Handy, Internet, Telefon, Fax oder Postkarte!!! Und die Reise nach Helgoland war damals weit mehr als heute ein logistischer und zeitlicher Aufwand von vielen Stunden.
Er hat natürlich Helgoland als Destination beworben. Das machen auch Reiseveranstalter oder Reisemittler. Ob sich die AG als Destinationsmanager verstanden hat, ist schwer einzuschätzen. Sicherlich wollte Siemens der Insel Wohl und Wohlstand bringen. Er hat dafür über 3 Jahre an dem Konstrukt der Badeanstalt und seinen Vorbereitungen (Info-Punkte in Altona und Brake, etc.) gearbeitet. Er hat damit den Bedürfnissen der Reisenden (Erholung in der Nordsee auf der Insel) passende Angebote gegenübergestellt. In der Funktion des Destinationsmanagers würde ich die Aktiengesellschaft zumindest in den frühen Jahren noch nicht einordnen wollen. Später möglicherweise; denn er hat sich für den gezielten Ausbau und die Weiterentwicklung der Angebote, die Vermarktung und Finanzierung der AG (s. Provisionen) eingesetzt. Das sind Aufgaben, die das Destinationsmanagement heute wahrnimmt.
Die AG als Destinationsmanager?
Er hat natürlich Helgoland als Destination beworben. Das machen auch Reiseveranstalter oder Reisemittler. Ob sich die AG als Destinationsmanager verstanden hat, ist schwer einzuschätzen. Sicherlich wollte Siemens der Insel Wohl und Wohlstand bringen. Er hat dafür über 3 Jahre an dem Konstrukt der Badeanstalt und seinen Vorbereitungen (Info-Punkte in Altona und Brake, etc.) gearbeitet. Er hat damit den Bedürfnissen der Reisenden (Erholung in der Nordsee auf der Insel) passende Angebote gegenübergestellt. In der Funktion des Destinationsmanagers würde ich die Aktiengesellschaft zumindest in den frühen Jahren noch nicht einordnen wollen. Später möglicherweise; denn er hat sich für den gezielten Ausbau und die Weiterentwicklung der Angebote, die Vermarktung und Finanzierung der AG (s. Provisionen) eingesetzt. Das sind Aufgaben, die das Destinationsmanagement heute wahrnimmt.
Fazit
Siemens hat die Kurtaxe nicht erfunden. Er hat eine Provision von den Vermietern kassiert. Damit hat er Funktionen eines Reisemittlers und ggf. eines Reiseveranstalters genutzt. Er hat Reisevertriebs- und Informationsstellen gegründet. In Altona und Brake.
Ich will nicht behaupten, dass er Provisionen, das Reisebüro oder den Reiseveranstalter erfunden hat. Aber er war seiner Zeit mit seinen Vertriebsbemühungen in jedem Fall weit voraus. Schließlich hat er Helgoland damals schon ganzheitlich gesehen und vermarktet.
Und auch das hat sich 200 Jahre später wiederholt. Der Helgoländer Hotelier Detlev Rickmers gründete in Hamburg die "Helgoländer Botschaft". Das war als Vertriebsbüro in Hamburg für Helgoland gedacht und hat sich mittlerweile zum Reiseveranstalter für Helgoland-Reisen weiterentwickelt.