Folge 7: Seebad Helgoland - Eine frühe Erfolgsgeschichte?

Martin Linne Samstag, 31. Januar 2026 von Martin Linne

Seebad Helgoland – Eine frühe Erfolgsgeschichte?

Ratet mal, von wo das erste Dampfschiff überhaupt einen deutschen Hafen, Hamburg, angelaufen hat? – Man glaubt es kaum: Von London aus über Helgoland über Cuxhaven nach Hamburg. Das war bereits 1816.

Wie sich das auf die Entwicklung des jungen Seebads auswirkte und ob es eine Erfolgsgeschichte war – davon berichtet dieser Blog. Viel Spaß beim Lesen!

Die frühen Jahre

Eigene Abbildung, nach http://www.shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/helgoland-ein-urlaubsziel-im-wandel-der-zeit-id10469491.html; Hirsch, A. 1853, S. 71; Ostersehlte 2024, o. S.; Helgoland Tourismus Service.

Die Entwicklung der Gästezahlen verlief zunächst scheinbar schleppend. In den ersten 10 Jahren (bis 1834) werden dreistellige Zahlen an jährlich nach Helgoland kommenden Badegästen genannt. Ab 1838 werden die Gästezahlen nachweislich erstmalig vierstellig: 1051. Danach setzt eine Phase ein, in der die Zahlen bis über 3.000 Gäste pro Jahr angestiegen sind. Ab 1849, den Sterbejahr Siemens, stellt sich jedoch auch ein spürbarer Rückgang dieser Werte ein.

Siemens spricht selbst 1835 davon, dass sich das Bad erst dann positiv entwickelte, als von Hamburg eine regelmäßige Dampfschiffverbindung eingerichtet wurde „[…] jedoch , seit ein Dampfschiff von Hamburg Fremde zu Hunderten zum Bade und zur Lust nach der Insel führte ,[…]. (1)

Das scheint aber nach der Literaturlage nicht ganz zu stimmen. Zunächst war Helgoland nur per Segelschiff erreichbar. Aber es bestanden regelmäßige Anbindungen. Gäste konnten also stets anreisen.

Das erste Dampfschiff überhaupt London-Helgoland-Hamburg

Die Dampfschifffahrt wurde um 1807 entwickelt.(2) Am 15. Juni 1816 lief erstmals ein Dampfschiff von England aus über Helgoland und Cuxhaven Hamburg an. Es sollte einen Liniendienst aufbauen. Die „The LADY OF THE LAKE“ war 20 m lang, 6 m breit und hate 24 PS. Für die Reise von Hamburg nach Cuxhaven brauchte sie ca. 9 Stunden. Das war nicht erfolgreich.(3)

The Lady Of The Lake 1816

The Lady Of The Lake 1816

Am 15. Juni 1816 verließ The Lady Of The Lake Helgoland und steuert am 17. Juni Hamburg via Cuxhaven an. Der erste Anlauf eines Dampfschiffes.

Dampfschiffsverbindungen ab Hamburg

eine Anzeige aus 1832, erschienen in den Neue Zeitung und Hamburgische Addreß-Comtoir-Nachrichten auf S. 3.

Im Jahr 1824 konnte eine Linie per Dampfschiff ab Hamburg über Helgoland nach England mit den Schiffen HILTON JOLIFFE und SIR EDWARD BANKS etabliert werden. Schon 1825 wurde eine Linie von Hamburg über Cuxhaven nach Amsterdam mit dem Raddampfer ONDERNEMING gegründet, ab 1827 mit der DE BEURS VAN AMSTERDAM.

Aufgrund der Gründung des Seebades auf Helgoland in 1826 wurde mit der DE BEURS VAN AMSTERDAM so genannte „Extra-Lust-Fahrten“ unregelmäßig und ab 1. Juli 1827 regemäßig angeboten.(4)

Helgoland war also in dieser Zeit regelmäßig nicht mehr nur per Segelschiff, sondern auch mit zwei Dampfschiffverbindungen (Hamburg-London, Hamburg-Amsterdam) erreichbar. Beste Voraussetzungen für die Entwicklung des Tourismus.

Tausende Gäste im Sommer

Elbe oder Patriot vor Helgoland.

Carl Reinhard um 1855

1833 gründete J. C. Godeffroys die Hamburger-Dampfschifffahrts-Compagnie mit der ELBE und der PATRIOT. Ab 1843 verkehrten die ELBE und die PATRIOT und HENRIETTE ab Hamburg für die Elb-Dampfschifffahrts-Compagnie. (5)

Im Jahr 1839 berichtet Smidt davon, dass im Sommer ab Hamburg Tausende nach Helgoland reisen.(6) Kann es sein, dass Smidt maßlos übertreibt?

Ab Hamburg verkehrten drei Dampfschiffe (Elbe, Patriot, Henriette) mit einer Kapazität von je über 300 Passagieren.(7) Auch wenn die Verbindung nur einmal pro Woche sein sollte, müssten in den Sommermonaten höhere Gästezahlen zusammenkommen. Das passt auch nicht zu der Tatsache, dass Helgoland in dieser Zeit schon von verschiedenen anderen Orten aus angefahren wurde.

1830: Verein Deutscher Naturforscher besucht Helgoland

Helgoland Bericht 1830-10-09

Helgoland Bericht 1830-10-09

1830 geschieht etwas Interessantes: Der Verein der Deutschen Naturforscher unternimmt eine Reise nach Helgoland, wie die Königlich privilegirte Stuttgarter Zeitung berichtete. Fast so, als ob Helgoland bereits damals in aller Munde war.

410 Mitglieder hat der Verein. Möglicherweise hat sich nicht jedes Mitglied auf die abenteuerliche Reise begeben wollen. Das aber müsste einen Sprung der Gästezahlen bedeuten. 1828: 104; 1829: 283 und 1830: 335.(9) – Das sieht nach einem natürlichen Wachstum aber nicht nach einer größeren Reisegruppe von rund 400 Teilnehmern aus.

Die ist ein weiteres Indiz dafür, dass bei den frühen Gästezahlen scheinbar nicht alle anreisenden Gäste, sondern nur die Nutzer des Vertriebssystems der Seebad AG gezählt worden sind.

Fazit

Nach den veröffentlichen Zahlen, sind die ersten Jahre des jungen Seebades nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Das berichtet auch Siemens selbst.(8) Dennoch können diese Zahlen die tatsächliche Reisenachfrage nicht wiedergeben. Sie müssen (vgl. Smidt 1839, Naturforscher 1830) höher gewesen sein.

Es gibt nur eine mögliche Erklärung: In den Anfangsjahren lassen sich nur die Zahlen der Aktiengesellschaft finden. Die wird nur die Gäste von der Badeanstalt gezählt haben, also die, die tatsächlich deren Leistungen in Anspruch nahmen. Es ist davon auszugehen, dass das touristische Interesse an Helgoland schon damals größer war, als die belegten Zahlen vermitteln.

Helgoland war also damals bereits ein beliebtes Reiseziel, über das auch in den Zeitungen berichtet wurde. Die Erfolge der frühen Jahre der Aktiengesellschaft Seebad Helgoland waren aber eher mäßig.

Die Recherche hat ferner belegt, dass die Schiffsverbindungen ab Hamburg ein maßgeblicher Erfolgsfaktor für den Helgoland-Tourismus waren. Und sind!

Ausblick

Wie sich das junge Seebad weiterentwickelt hat, das stelle ich im nächsten Blog dar. Es wird allerdings höchste zeit für eine angemessen Würdigung des Jacob Andresen Siemens - aus der Sicht eines Touristikers.

Es grüßt herzlich

Martin Linne

Quellen

1) Siemens 1835, S. 21.

2) Vgl. Freyer 2006, S. 13.

3) Siersdorfer 1974, S. 4f.

4) Siersdorfer 1974, S. 4f.

5) Vgl. Siersdorfer 1974, s. 10.

6) Vgl. Smidt 1839, S. V.

7) Vgl. Siersdorfer 1974, S. 10f.

8) Vgl. Siemens 1835, S. 21.

9) Vgl. Hirsch 1853, S. 71.

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