Folge 8: Eine Würdigung des Jacob Andresen Siemens

Martin Linne Donnerstag, 19. Februar 2026 von Martin Linne

Jacob Andresen Siemens - Würdigung aus toutistischer Sicht

Als Tourismus-Forscher scheint es mir angebracht, die Leistung des Jacob Andresen Siemens ins rechte Licht zu rücken: Ein verkanntes, ein vergessenes und ein ignoriertes Genie, das mit seinen Helgoländern stets aneckte. Viel Spaß beim Lesen!

Wer war Jacob Andresen Siemens?

Siemens Denkmal Helgoland

Siemens Denkmal Helgoland

Siemens war Schiffszimmermann, Bootsbauer. Er war Handwerker und das mit Stolz. Eine akademische Ausbildung genoss er nicht. Wäre er akademisch geprägt gewesen, hätte er viele seiner Ideen und Vorstellungen leichter umsetzen können.

Können wir Siemens im Nachhinein charakterisieren? Wienbarg beschreibt ihn 1838 als „einen wenig beachteten beachtungswerten Mann“.(1) Boas schätz ihn als feinen Publizisten, der zugleich die Axt und die Feder führt. Beide seien gleich scharf, und wohin Siemens einen Hieb richtet, da wächst für's Erste kein Gras.(2) Oetker stellt ihn 1855 dar als einen einsamen, finsteren, verschlossenen Mann, der in anscheinender Ruhe und Schweigsamkeit unaufhörlich im Innern arbeitete und grübelte.(3)

In meiner Einschätzung würde ich Siemens heute als freigeistigen Denker aber auch als störrischen Kämpfer gegen Unrechtmäßigkeit(4) einschätzen. Er konnte manchmal nicht schweigen, wenn es erforderlich gewesen wäre und er konnte seine Gedanken, die oft richtig waren, nicht pointiert formulieren. Oetker beschreibt es so: „und daß er bei der Nordspitze anfange und bei der Südspitze aufhöre, wenn er vom Leuchtthurm reden wolle.“ (5)

Siemens und die Helgoländer

Der 31-jährige Bootsbauer

Der 31-jährige Bootsbauer

Siemens hatte nicht nur das Problem, seine Gedanken zu strukturieren. Er muss recht impulsiv gewesen sein und sich ständig in verbale Attacken verrannt haben. Das führte zu einem recht angespannten Verhältnis zwischen ihm und seinen Gesprächspartnern, Vorgesetzten und Landsleuten.

Er hatte sich im Jahre 1831 hinreißen lassen, über mehrere Beamten wegen einer öffentlichen Handlung ehrenrührige Aeußerungen zu thun. Selbst vor Gericht, als ihn ein Ratmann verklagte, sprach er von „Räuberstreichen", den „Guvernör miteingerechnet " Er wurde deßhalb am 8. Juni 1831 für einen „Ruhestörer und Ehrenschänder " erkannt und mit einer Geldstrafe von 150 Mark belegt, die innerhalb 24 Stunden bei Meidung der Verhaftung bezahlt werden sollte. Siemens appellirte; es blieb aber dabei. Die Verhaftung wurde am 9. Juni vollzogen, und Siemens mußte sich am 7. Juli durch Hinterlegung seiner Akzien lösen. Der mitbeleidigte Governör King bestätigte gegen den 14. September das Urtheil der Ratmänner und erklärte zugleich, daß dieselben die Akzien als Pfand für das Wohlverhalten einbehalten könnten. Dies wurde für die Zeit von drei Jahren beschlossen, wenn nicht Siemens „freiwillig erkläre, die Insel auf Zeitlebens verlassen zu wollen".“(6)

Das klingt nicht nur nach einer Enteignung. Das war faktisch eine. Auch die Tatsache, dass er 13 Jahre später scheinbar rehabilitiert wurde, hat einen Beigeschmack, wie Oetker es beschreibt: „Im Herbst 1844 wurde Siemens in Anerkennung seiner Verdienste um das Seebad, oder wie Andere behaupten, um seinen unruhigen Bestrebungen eine andere Richtung zu geben, zum Ratmann und Stadtschreiber bestellt.“(7)

Der Frieden hielt nur bis 1846. Dann wurde er aus dem Amt entlassen, weil er sich erneut nicht beherrschen konnte. Er ging nach London, um dagegen zu klagen, verhob sich dabei aber auch verbal. Schließlich starb er 1849 verarmt im Londoner deutschen Hospital an Cholera.(8)

Man hat Unrecht, ihn hier zu vergessen; aber es kann sein, daß es so am besten ist.“(9) Das schreibt Wienbarg 1838. Dass das so tatsächlich kommen sollte, konnte er damals nicht vorhersehen.

Man wusste über Jacob Andresen Siemens auf der Insel viele Jahre nichts. Als man ihm zum Jubiläum des Seebades 1926 ein Denkmal errichtete, wussten die Helgoländer nicht mal mehr, wie er aussah. Sie stellten ihn als einen alten Fischer auf dem Gedenkstein dar. Siemens war zur Gründung 31 Jahre alt. Auch die wenigen neueren Literaturbefunde stellen seien Leistungen grob und unzureichend dar.

Das touristische Lebenswerkt des Jacob Andresen Siemens

Siemens war ein Grübler. Und diese Grübeleien veranlassten ihn zu der Umsetzung einer Seebadeanstalt. Er sah, dass mit dem damit aufkommenden Tourismus für Helgoland eine prosperierende Zukunft zu erwarten war. Die Helgoländer waren skeptisch; nur weil Siemens beharrlich war, konnte er die Seebadeanstalt gründen.

Siemens war ein Visionär. Schon vor 1826, also vor Thomas Cook, errichtete ein Vertriebssystem für Helgolandreisen in Altona und Brake an der Weser. Dass Helgoland schon 1826 auch von Brake angesteuert wurde – warum sonst das Büro – ist nicht überliefert. Auch dass er ein Vertriebssystem etablierte, war bisher unbekannt.

Siemens war ein Kaufmann. Schließlich muss ihm klar gewesen sein, dass die, die von seinen Aktivitäten profitieren, auch einen finanziellen Beitrag zu leisten hätten. Er führe ein Provisionsmodell für Vermittelte Übernachtungen ein und kassierte 10% Vermittlungsprovision. Dies wird in der Literatur fälschlich als Kurtaxe bezeichnet.(10)

1829 Anzeige Nordseebad Helgoland

1829 Anzeige Nordseebad Helgoland

Siemens war ein Marketer, ein Marketing-Fachmann. Er wusste, dass die Reise nach Helgoland aufwendig und mit Herausforderungen behaftet ist (Seekrankheit). Er hat Kommunikation betrieben und die Vorzüge der Insel herausgestellt. Siemens beschrieb die Insel mit Unterkünften, Gastronomie und Freizeitangeboten und führte gleich zu Beginn eine medizinische Betreuung der Gäste ein. Er hat auch flexible, individuelle Reisemöglichkeiten angeboten. Heute könnte man fast behaupten, er hätte das Wassertaxi erfunden.

Siemens war ein Stratege. Er erkannte, dass die Verbindung Hamburg-Helgoland für die Entwicklung Helgoland essentiell war. Deshalb etablierte er dort die Informations- und Vertriebspunkte, um Helgoland in der Metropole zu verankern.

1830 Anzeige Nordseebad der Insel Helgoland

1830 Anzeige Nordseebad der Insel Helgoland

Siemens war ein Tüftler. Er gab sich nicht mit dem zufrieden, was er einmal aufgebaut hatte. Er entwickelte das stetig weiter.

1829 eröffnete er eine weitere Vertriebsstelle in Hamburg bei Gastwirt Meyer.

1830 verdoppelte er die Zahl der Badekarren.

Seebad Helgoland – ein später Erfolg

Übernachtungsgäste Helgoland 1826-2024

Übernachtungsgäste Helgoland 1826-2024

Den wirklichen Erfolg des Seebades Helgoland konnte Siemens nicht mehr erleben. Auch die erste Hochphase des Tourismus auf Helgoland ab ca. 1880 erlebte Siemens nicht mehr. Die ersten Jahre scheinen sich schleppend entwickelt zu haben. Allerdings gehe ich davon aus, dass in den ersten Jahren nur die von der Seebad AG vermittelten Gäste und nicht alle anreisenden Gäste gezählt worden sind.

Wenn wir uns die 200-jährige Entwicklung anschauen, sehen wir die beiden großen Einschnitte durch die Weltkriege. Wir sehen, wie rasch sich der Tourismus danach immer wieder erholt hat. Wir erkennen die Boomphasen in den 1920er Jahren und in den 1960er Jahren. Dass Helgoland allerdings erst ab ca. 2010 wirklich deutlich gestiegene Urlauberzahlen aufweisen konnte, ist in der öffentlichen Wahrnehmung untergegangen. Es werden immer die gesamten Anreisen betrachtet. Das ist ein Relikt aus der Fokussierung des Tagestourismus. Fast vertausendfacht haben sich die Zahlen der Urlaubs- bzw. Kurgäste auf Helgoland von 1826 bis heute. Das ist ein Erfolg!

Dieser Erfolg ist nicht Siemens zuzuschreiben; zu viele haben daran mitgewirkt. Auch ohne Siemens wäre früher oder später aus Helgoland ein Seebad geworden; es war zu der Zeit vor 200 Jahren ein absoluter Trend, Seebadestellen zu errichten. Doch Siemens hat vor 200 Jahren einen umfangreichen und weitsichtigen Grundstein dafür gelegt. Das gilt es zu würdigen!

Fazit

Die Leistungen von Jacob Andresen Siemens allein in Bezug zum Tourismus – nichts anderes vermag der Touristiker zu beurteilen – sind auf Helgoland in den zurückliegenden Jahren unangemessen gewürdigt worden. Das schlechte Gewissen trieb die Helgoländer 1926 dazu, zu 100-jährigen Jubiläum ein „Fake“-Denkmal zu errichten, dass den 31-jährigen Bootsbauer aus Unwissenheit und weil es keine weiteren Überlieferungen gab als alten Fischer darstellt.

Das Ausmaß seiner touristischen Entwicklungen wurde vergessen. Lediglich der Erwerb von 6 Badekarren wird in der Literatur reduziert dargestellt. Die Erfindung der Kurtaxe wird im fehlerhaft zugeschreiben.

Ausblick

In den nächsten Blogs will ich mit den Touristen beschäftigen. Es gibt herrliche Befunde in der Literatur, wie man die Touristen sah. Und natürlich werde ich auch einen Blog zum Thema Seekrankheit schreiben. Auch das wird nicht ohne amüsante Erkenntnisse sein.

Bleibt neugierig!

Herzlichst

Martin Linne

Quellen

1) Wienbarg 1838, S. 38ff.

2) Vgl. Boas 1847, S. 312.

3) Vgl. Oetker 1855. S. 433.

4) Vgl. Boas 1847, S. 315

5) Oetker 1855, S. 435.

6) Oetker 1855, S. 434.

7) Oetker 1855, S. 437.

8) Oetker 1855. S. 437.

9) Wienbarg 1838, S. 51.

10) Siehe dazu Blog 6.

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