Folge 9: Hamburg-Helgoland: Die Traditionsverbindung
Donnerstag, 19. März 2026 von Martin Linne
Hamburg-Helgoland: Die Traditionsverbindung
Am 19.3.2026 startet in Hamburg die Saison mit dem HSC Halunder Jet nach Helgoland. Wie das vor 200 Jahren war und vor allem wie ähnlich das noch heute ist, soll dieser Blog verdeutlichen.
In diesem Blog werde ich historische Texte aus dem frühen 19. Jahrhundert mit den aktuellen Eindrücken der Saison-Eröffnungsfahrt des Halunder Jet gegenüberstellen. Ungefähr genau 200 Jahre nach der Gründung der Aktiengesellschaft Seebad Helgoland.
Wie war das vor 200 Jahren? Wie erlebten die Reisenden die Ankunft am Schiff, damals natürlich noch Seitenraddampfschiffe? Wie wirkte die Hafenatmosphäre auf die Reisenden? Wie verlief das Boarding? Wie schätzten die Reisenden das Schiffe in?
Die Fragen kläre ich mit den alten Texten auf und stelle dem Wort tagesaktuelle Bilder vom 19.3.2026 gegenüber. Das wird ein reizender Kontrast. Aber es wirkt als läge zwischen Texten und Bildern nicht so ein großer Zeitraum.
Viel Spaß beim Lesen!
„Der gangbare Weg nach Helgoland führt über Hamburg, […].“(1) So beschreibt Oetker die Reise von Hamburg nach Helgoland 1855. Das klingt nach purem Understatement; denn die Verbindung ist seit über 200 Jahren die Nabelschnur der Insel. Und wie sich das in der Literatur lesen lässt, verbunden mit den heutigen Verhältnissen, das werde ich im folgenden Blog ausführlich darstellen.
Auch Karl Reinhardt schwärmt 1856: „Jeder Fremde, der vom Binnenlande aus Hamburg besucht, und dessen Reise nicht bloß dem Geschäft gilt, betrachtet seine Tour als unvollständig, wenn er nicht eine Fahrt nach Helgoland mitgemacht, dort wenigstens ein Seebad und Seefische genossen, vielleicht einen kleinen Seesturm erlebt, etwas seekrank geworden und einige Stunden lang, bloß Himmel und Meer' gesehen hat. Gewöhnlich Sonnabends angekommen, durch- und umschwärmt er Sonntags Insel und Düne und. wird, wenn er nicht zu den Badegästen gehört, am Montag früh schon wieder der wunderbaren, ihm gänzlich neuen Szenerie entrissen, die, dem Meer entsteigend mit nichts in seiner Heimat Ähnlichkeit hat und deren ihn später wie ein schöner Traum umschwebt.“(2)
Hamburg vor 200 Jahren
Wir sehen auf der Karte in der Mitte unten den Stubbenhuk, dort gab es vermutlich 1826 Karten zu kaufen. Möglicherweise aber auch links daneben im Baumhaus am Binnenhafen. Das lässt sich heute nicht mehr genau klären. Unten links befindet sich der Jonashafen, vor dort aus fuhren sehr wahrscheinlich die Dampfschiffe ab. Genau dort, wo heute die Landungsbrücken sind und der Halunder Jet startet.
„Während der Sommer- Monate sieht man in Hamburg an jedem Freitage eine grosse Zahl elegant gekleideter Damen und Herren nach dem Stubenhuk eilen. Was suchen die geschäftslosen Elegants in dieser Gegend , wo sonst nur Schiffsmakler, Everführer, Matrosen und Quartiersmänner anzutreffen sind ? Sie begeben sich nach dem Comptoir der Hamburger Dampfschifffahrts- Gesellschaft , um sich , je nachdem ,,die Elbe" oder „der Patriot" fährt , Karten für die Fahrten nach den Elb-Stationen und nach Helgoland zu lösen.“ (3)
"Früh um sechs Uhr muss man sich am Sonnabend Morgen nach Kleudgen's Werft am Jonas begeben, um die Zurüstungen zu beschauen, die der Abfahrt des Dampfbootes vorangehen. Wir gelangen hinter der „Elb-Erhohlung" auf den Weg, der zur Haarburger Dampffähre führt, und finden die Strasse, die uns abwärts zum Strande geleitet, bereits mit Wagen aller Art bedeckt, aus welchen von der Morgenluft geröthete Gesichter schauen, deren belebte Züge Freude und Erwartung verkünden. Ein tiefblauer Himmel glänzt auf sie herab, und verkündet eine fröhliche Fahrt. Jetzt lenkt der Fuhrmann um die letzte Ecke und ein leichter Ruf des Erstaunens wird hörbar, denn wir sind am Ziele und vor uns liegt die stille Majestät des Elbstroms." (4)
„Der Abfahrtsplatz ist an der Vorstadt St. Pauli , wo die harburger Fährschiffe anlegen . - Ein prächtiger Morgen lag frisch und sonnig auf der Elbe , auf den reizenden Gestaden." (5)
"Die Elb -Dampfböte haben ihre Stationen bei'm Jonas, an Kleudgen's Werft. Hier liegen , die Elbe," „ der Patriot" und „das Haarburger Dampfschiff."“(6)
„Wie ganz anders erscheinen dagegen die „Elbe " und der „Patriot !" Sie sind ausschliesslich zur Lustfahrt bestimmt, und man sieht es ihnen auf dem ersten Blick an, dass sie gar keine andere Bestimmung haben können. Die schönen und regelmässigen Verhältnisse in dem Rumpf derselben, machen dem kundigen Hamburger Baumeister alle Ehre; sie sind den besten Meisterstücken England's und Amerika's ungescheut an die Seite zu stellen." (7)
„Die Brücke, deren äußerer Teil aus drei flachen Fahrzeugen besteht, die sich mit der Ebbe und Flut heben und senken, ist mit Menschen, Koffern, Kisten, Körben und Rauen vollgestopft. Blumen, Früchte, Gemüse und andere, Lebensmittel sind besonders überwiegend vorhanden und teilen den Raum, der ja noch übrig bleibt, mit Sonnen- und Regenschirmen, Hutschachteln und Reisetaschen, zwischen denen man sich den Weg zum Schiff suchen muß, auf das man über eine ausgelegte Brücke gelangt…“ (8)
„An jedem Sonnabend Morgen mit dem Schlage sieben wird die „Reise über See" angetreten und dann wimmelt das Verdeck des Dampfboots von fröhlichen Menschen." (9)
"Ich nehme am Steuerbord, zunächst der Galerie, auf der vorhin bezeichneten Bank Platz, und übersehe von hier aus das Verdeck und den Landungsplatz . In dem dichten Gewühl, das sich auf dem letztern ausbreitet, bilden sich viele interessante Gruppen, die einen um so eigenthümlicheren Anblick gewähren , als man von dem Babylonischen Sprachgewirr nur abgerissene Worte versteht." (10)
"Man sieht es den beiden Schiffen an, dass sie Zöglinge wohlhabender Männer sind, den der Reichthum der Ausstattung ist nicht geringe. Aber die Hand, die sie schmückte, war nicht blos freigiebig, sie wusste ihre Gabe auch mit Geschmack anzuwenden, und nirgends, wohin man auch den Fuss setzt, wird man Ursache haben, auszurufen: „Die Grazien sind leider ausgeblieben!““ (11)
"An Bord! An Bord! Es ist in Wahrheit die höchste Zeit! Schon hat die Thurmuhr von Sanct Michael das dritte Viertel nach Sechs geschlagen , und die Matrosen bereiten Alles zur bevorstehenden Abreise; die Kabeltaue werden gelöst, und der Patriot wird nur noch durch eine leichte Trosse gehalten." (12)
„Allmählich ist der Platz vor dem Fährhause von Manschen gesäubert; die Mantelsäcke, die Koffer sind verschwunden, und einzelne Spätlinge eilen noch im Sturmschritt heran. Das Verdeck ist mit Menschen besäet, denn zweihundert Passagiere füllen einen bedeutenden Raum, und es gehört keine gewöhnliche Taktik dazu, jetzt noch einen Sitzplatz zu erobern.“ (13)
„Der dunkle Rauch quoll kerzengerade empor ; alle Anzeichen verkündeten eine schnelle und ruhige Fahrt. Einige Minuten herrschte noch laute und lebendige Verbindung zwischen dem Dampfer und dem Lande Packträger liefen hin und wieder , nachzügelnde Reisende drängten sich über die Brücke , Bedienten , Mägde , Hunde , Hutschachteln kamen hinterdrein ; dort noch eine Bestellung , hier noch ein Gruß dann ertönte die Glocke , die Räder setzten sich in Bewegung, und wir flogen auf der glitzernden Stromfläche dahin." (14)
"Hinter dem Spiegel des Schiffes breitet sich die Hafenlinie aus, und hat dem Beschauer einen ergötzlichen Anblick gewährt ; jetzt entfernt er sich immer weiter und die vorhin so scharf hervortretenden Umrisse der einzelnen Schiffe werden schwankender, die Farben fliessen in einander und bald sieht man nur eine dunkle, unförmliche Masse." (15)
Was für eine Entwicklung
Die Texte lesen sich, als wäre es heute, gerade eben passiert. Aber nein, es liegen jeweils weit rund 150 bis über 180 Jahre dazwischen. Vor 200 Jahren begann der Badetourismus auf Helgoland, als 1826 Jacob Andersen Siemens Vorrichtungen für den Badebetrieb in Betrieb nahm. Das war am 1. Juli 1826. Also fast auf den Tag genau vor 200 Jahren.
Und bei der Entwicklung zum Badeort hat die Verbindung Hamburg-Helgoland einem maßgeblichen Anteil. Siemens erkannte das und richtete von 200 Jahren Verkaufsstellen in Hamburg und Altona ein.
Und auch in den folgenden Jahren war es immer wieder der Verkehr ab Hamburg, der Maßstäbe setzte. Seien es Elbe und Partriot, die in den alten Texten beschrieben wurden oder rund 100 Jahre später die Cobra, die mit größtem Luxus ausgestattet war und bereits über eine stabilisierende Technik verfügte.
Die innovative und prägende Entwicklung setzte sich nach dem Krieg fort. Bereits der erste Nachkriegsschiffbau in Deutschland, das 1955 gebaute Schiff „Wappen von Hamburg“ sollte neben Tagesausflugsfahrten von Hamburg nach Helgoland im Sommer zusätzlich im Winter als Kreuzfahrtschiff genutzt werden. Dieses Schiff war elegant und innovativ. Es verfügte als erstes Schiff überhaupt über einen Diesel-elektrischen Antrieb. Dieselgeneratoren erzeugten Strom und damit wurden die Propeller angetrieben, fast wie auf modernen Schiffen.
Dieses frühe Kreuzfahrt-Konzept ging jedoch auf dem deutschen Markt nicht auf. Das Schiff wurde relativ schnell ins Ausland verkauft. In der Übergangsphase diente die „Wappen von Hamburg“ im 2. James-Bond-Film als Headquarter der Gangsterorganisation Spectre. Das Helgoland-Schiff - ein Movie-Star! Und das Kuriose setzt sich fort. Als das Schiff dann auf Kreuzfahrt ging beobachtete die Schiffshostess Jeraldine Saunders das Verhalten der Passagiere höchst amüsiert. Das ermutigte Sie, den Roman „The Love Boats“ zu verfassen. Und genau der diente als Vorlage für die US-amerikanische TV-Serie „The Love Boat“. Und diese Serie brachte der Kreuzfahrt zumindest in Amerika einen erstaunlichen Boom ein.(16)
Es gab Versuche, das Schiff aus historischen Gründen zu erhalten. Doch 2024 sank es und wurde anschließend 2025 in den USA verschrottet.
Wappen von Hamburg II und Wappen von Hamburg III wurden ebenfalls als Kreuzfahrtschiffe gebaut und kamen im Winter auch zum Einsatz auf den Bahamas als Empress of Bahamas und als Lucaya. Allerdings waren auch diese Schiffskonzepte ihrer Zeit zu weit voraus und sie wurden nach anfänglichen Versuchen ausschließlich auf der Helgolandfahrt eingesetzt. Gerade Wappen von Hamburg III prägte über viele Jahre das Bild an den Landungsbrücken. Viele Fahrgäste genossen das Kreuzfahrt-Feeling und checkten abends vor der Abfahrt ein, um am nächsten Morgen entspannt das Elbpanorama genießen zu können.
Fazit
Heute ist der Halunder Jet II wieder nach der Winterpause nach Helgoland gestartet.
Er setzt die Traditionsverbindung zeitgemäß fort: Technische Perfektion und komfortabelster Reisekomfort knüpfen an die Tradition an und tragen sie ins dritte Jahrhundert hinein.
Ich wünsche dem Halunder Jet und seiner Crew eine äußerst erfolgreiche Jubiläums-Saison 2026!
Ausblick
In den nächsten Blogs will ich mit den Touristen beschäftigen. Es gibt herrliche Befunde in der Literatur, wie man die Touristen sah. Und natürlich werde ich auch einen Blog zum Thema Seekrankheit schreiben. Auch das wird nicht ohne amüsante Erkenntnisse sein.
Bleibt neugierig!
Herzlichst
Martin Linne
Quellen
1) Oetker 1855, S. 1.
2) Reinhardt 1856, S. 7.
3) Smidt 1839, S. 3.
4) Smidt 1839, S. 11.
5) Oetker 1855, S. 12f.
6) Smidt 1839, S. 3.
7) Smidt 1839, S. 5.
8) Reinhardt 1856, S. 67.
9) Smidt 1839, S. 3.
10) Smidt 1839 S. 12f.
11) Smidt 1839, S. 5.
12) Smidt 1839, S. 15.
13) Smidt 1839, S. 15.
14) Oetker 1855, S. 12f.
15) Smidt 1839, S. 11f.
16) Steinecke 2018, s. 13.