Meine Insel: Helgoland!

Über den Autor Dr. Martin Linne

1974 – hier fing alles durch einen Zufall an. Das war das Jahr, als ich im Frühjahr nicht nur heftigen Heuschnupfen bekam, sondern meine Eltern im Sommer an einem Gewinnspiel teilnahmen. Sie sollten schätzen, wieviel von irgendwas in einem großen Glasballon war. Ich weiß gar nicht mehr, ob es Münzen, Erbsen oder Kronkorken waren, jedenfalls landeten sie einen Treffer und gewannen das Gewinnspiel: ein paar Tage Helgoland.

Mein Heuschnupfen war binnen kürzester Zeit zu einem echten Problem geworden. Die Ärzte wirkten damals mit dem Thema überfordert, obwohl schon seit Jahrzehnten über das Heufieber berichtet wurde. Cortison war das einzige, das mir damals wirklich half, den Heuschnupfen in den Griff und ordentlich Speck auf die Rippen zu bekommen.

Als wir dann 1974 im Spätsommer auf Helgoland waren, war mein Heuschnupfen weg. Und für meine Eltern war klar: Hier machen wir jetzt immer Urlaub!

Wir waren damals in den Mocca Stuben untergebracht. Ganz wage sind mir noch Bilder vom ehemaligen Frühstücksraum unten links in den Mocca Stuben in Erinnerung. Ich komme aus seiner Kleinstand mehr oder weniger vom Lande und war sichtlich erstaunt über die kleinen Portionsdöschen mit Marmelade und Honig, die es zum Frühstück gab. Selbstverständlich ist das unnütze Verpackung! Aber ich fand das damals sehr vornehm. Zuhause kamen schließlich immer die großen Marmeladengläser mit selbst gekochter Erdbeermarmelade auf den Tisch.

Die Mocca Stuben waren in der guten alten Zeit das Lieblingshotel von Hans Albers und anderen berühmten Schauspielern aus der Zeit. Allerdings trifft nur noch der Name Mocca Stuben zu; denn das alte Haus gibt es seit 1945 nicht mehr.

Seit 1975 fuhren wir also regelmäßig nach Helgoland. Mal für 14 Tage und im Wechsel sogar für 4 Wochen. Meine Freunde verstanden das nie so richtig, wie man es auf so einer kleinen Insel nur aushalten kann – muss ja todlangweilig sein. Das Gegenteil war der Fall. Erstens war ich kerngesund, wenn auch ein wenig moppelig…. Und zweitens haben wir über die Jahre viele liebe Helgoländer kennengelernt und so manches Abenteuer erlebt. Und verwöhnt bin ich seither auch, was das Badewasser betrifft. Es kostet mich heute immer noch Überwindung, an der Küste in die Nordsee zu hüpfen. Dort ist das Wasser nur sehr selten so glasklar, wie auf Helgoland.

Das ging nun so bis in die Mitte der 1980er Jahre. Die 4 Wochen auf Helgoland haben meine Eltern als freie Badekur organisiert und wenigstens ein paar Zuschüsse von der Krankenkasse bekommen. Ein finanzieller Kraftakt war das jedes Jahr. Ich bin ihnen dafür sehr dankbar, weil auf ich auf Helgoland ein völlig normales Kind sein konnte, ohne ständig mit Taschentuch und Atemnot mit meinen Freunden zu spielen.

Als wir dann nicht mehr zusammen in den Urlaub fuhren, musste pro Jahr immer mindestens eine Tagesreise für mich nach Helgoland drin sein. Ohne Helgoland ging es für mich nicht. Das setzte sich auch in meinem Studium fort. Immer wenn ich mal den Kopf freibekommen musste, habe ich mir ein paar wenige Tage Helgoland geleistet.

Vom Gast zum Kurdirektor

1996 war mein BWL-Studium in Göttingen beendet. Ich blieb an der Uni, um mich der Forschung und einer Promotion zu widmen. Leider gab es keine freien Planstellen und ich versuchte mir die Promotion mit kleinen Verträgen und Mucke zu finanzieren. Das war nicht leicht. Ich wollte damals eine Arbeit über Leistungsbündelung im Tourismus schreiben. Tatsächlich fand ich im damaligen Kurdirektor von Helgoland jemanden, der diese Arbeit aus der Praxis begleiten wollte. Schade nur, dass er kurz nach unserem Kennenlernen die Insel verlassen hat. Auch andere Formen der Finanzierung meiner Dissertation gestalteten sich als schwierig. Also fasste ich den Entschluss, meine Ideen in die Praxis umzusetzen. Ich habe mich initiativ auf Helgoland „beworben“, meine Ideen und Ansätze präsentiert und mit allen möglichen Leuten gesprochen. Nur den Job hatte ich zunächst noch nicht.

Dankenswerterweise hat damals den NDR einen herrlichen Verriss über das Fahrradverbot für den Pizzalieferdienst auf Helgoland gebracht, und allen Verantwortlichen war klar, die Stelle des Kurdirektors darf nicht vakant bleiben. Es musste schnellstmöglich wieder ein Anchor-Man für die Medienarbeit her. Ich stand in den Startlöchern! Seit Mai 1998 war ich aktiv dabei, mich zu vernetzen. Ich wurde sogar schon zu offiziellen Anlässen eingeladen. Nur die Anstellung blieb aus. Es gab keine Gespräche und keine Ausschreibung dazu. Irgendwann sprach ich dann mal den Bürgermeister an, wie es denn um eine Anstellung bestellt sei. Da meinte er: „Herr Linne, dann müssn se sich böwärbön.“ Er war Rheinländer und das hörte man gern mal raus. Ich meinte daraufhin: „Herr Baumann, was glauben Sie denn, was ich hier seit einem halben Jahr mache?!?!?!?“. „Ne, dat müssn se aufschreibön.“, war seine folgerichtige Antwort.

Gesagt – getan. Zum 1.11.1998 hatte ich den Job. Den Traumjob. Ich wurde zunächst als Marketingleiter in der Kurverwaltung Nordseeheilbad Helgoland eingestellt. Den Titel konnte ich mir selbst aussuchen. Also nannte ich mich Tourismusmanager. Für Tourismusdirektor o.ä. fühlte ich mich mit 28 Jahren auch viel zu jung… Kurdirektor bin ich dann tatsächlich gut ein Jahr später geworden. Offiziell: Erster Werkleiter des Eigenbetriebs Kurverwaltung Nordseeheilbad Helgoland. Da habe ich dann lieber einfach meine Visitenkarten und den „Tourismusmanager“ weiterbenutzt... Eine wilde Zeit war das! Und das Beste, was mir passieren konnte, passierte. Ich lernte auf Helgoland meine Frau kennen. Natürlich haben wir in der Hummerbunde standesamtlich geheiratet – die Presse berichtete, weil es nicht häufig vorkommt, dass ein Kurdirektor auf Helgoland geheiratet hat. Die Helgoland-Affinität hat sich auch bei unserem Sohn manifestiert. Er ist Segler und Nautiker und hat schon seine eigene Helgoland-Geschichten gesammelt. Wir sind der festen Überzeugung, dass Cassen Eils mit seinen herrlichen Winterfahrten mit der MS Seute Deern daran einen gewissen Anteil hat.

Die Zeit danach, berufliche Entwicklung und ...Helgoland

Nach Helgoland hat es mich dann immer mehr wieder in die Wissenschaft zurückgezogen. 2008 konnte ich noch eine Promotion abschließen – natürlich von Helgoland inspiriert – über Segeltourismus. Ich sagte damals gern, dass mir ein Segeltourist auf Helgoland lukrativer erscheint als 10 Tagesäste. Das war dezent provokativ und aus dem Bauch geschossen. Jedenfalls war es der Anstoß, mich intensiv mit den touristischen Auswirkungen des Segelsports zu befassen.

Mittlerweile habe ich an drei verschiedenen Hochschulen verschiedene Professuren (auch zur Vertretung) innegehabt, ca. 30 Bücher, Lehrbücher und Studienbriefe mit touristischen Themen geschrieben und auch die eine oder andere TV-Produktion begleitet. Einmal natürlich von Helgoland aus. Bei Hart aber Fair sollte ich einen Faktencheck übernehmen. Das ging natürlich wunderbar aus dem Hotel auf Helgoland.

Seit 2014 darf ich den Wirtschaftsverein der Insel Wirtschaftsforum Helgoland e.V. als Geschäftsführer begleiten.

Nun, gut 25 Jahre später, wird auf Helgoland das Jubiläum 200 Jahre Seebad gefeiert. Die Feierlichkeiten zu 175 Jahre habe ich damals selbst noch mit vorbereitet. Das war für mich der Anlass, meine tourismuswissenschaftlichen Denkweisen auf die Destination Helgoland und die 200 Jahre der spannenden Entwicklung anzuwenden. Das war Auslöser für diesen Blog.

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